Warum Tourismus nicht die Lösung ist

Rainer Leisering
Geschrieben von:

Rainer Leisering

Gast-Kolumnist, Reiseautor, Auslandskorrespondent

Verlust von Lokal-Identität

Warum Tourismus nicht die Lösung ist

Wachstum durch Tourismus ist eine Illusion

Preview Abbildung einer Strandanlage in Templin
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Lesedauer: 4 mins

Jene, die unreflektiertes Wachstum kritisch betrachten, werden stets mit dem selben Totschlag-Argument konfrontiert. Egal ob es um Kritik an schlecht kontronllierter Gentrifizierung in den Städten, um Landespolitik, oder um die Erschließung neuer Tourismus-Gebiete auf einer eh schon abnehmende Karte noch unbefleckter Ecken auf dieser Erde geht. Die durch den Tourismus angeblich wahrliche Wirtschaftswunder erleben sollen. 

Es ist immer das selbe Paradigma: es würde der Region ja helfen, ja eigentlich nur Gewinn bringen! Die Wahrheit ist jedoch, dass dies fast immer zu kurz gegriffen ist. Es ist ein wenig wie mit einer Party. Die Aufregung davor, die Euphorie, die Überzeugung darüber dass es gut wird wenn es nur gut vorbereitet ist. Dann der Ansturm. Die Party. Das große Finale. Die Schnapsleichen und letztendlich: Der Kater folgt am nächsten Tag. 

Den Kater kann man sich ansehen, an Orten an denen der Tourismus dann plötzlich weggeblieben ist. Sogenannte Tourismus-Wüsten bleiben zurück. Natürlich wieder erneut mit der Begründung: dies würde es ja nur erneut beweisen, wie wichtig wohl der Tourismus für die Region war und ist, und wie es nun um sie stünde wenn er wegfiele. Dabei wird die Tatsache verschleiert, dass der Tourismus nur einer bestimmten, eingefallenen Gruppe nutzt, und diese kommt meist nicht aus dieser Region: dem neuen Tourismus-Betreiber, neuen Veranstaltern, neu eingetroffenen Loftwohnung-Vermietern, die alte Häuser und Grundstücke aufkaufen oder Wälder roden für Ferienwohnungsanlagen, und so weiter. 

In den Regionen selbst und deren "Locals" selbst bleibt tatsächlich oft wenig Geld. Und die Saison-Arbeitsplätze, die meist auch nur teilweise von regionalen Kräften und saisonal hinzuziehenden Satellitenarbeitern besetzt werden, sind keine langfristige Lösung. Weil sie einer Region keine wirkliche nachhaltige Struktur, Ausbildung, Weiterbildung etc. geben und den Standort nur noch mehr vom Tourismus und deren Saisons abhängig machen. Aber alles andere regionale Potenzial wird dabei nicht gefördert. Oft im Gegenteil. 

Wenn eine Region für den Tourimus entdeckt wirkt, gleicht dies einem Toderurteil. Wie vor und nach einer Heuschreckenplage. Erst unheimlich viel einseitiger Ansturm, Spekulanten, Kapital, Kredite, Schulden, Turbokapitalismus, Mieterhöhungen, Parkplatzgebührenautomaten... Und dann folgt die Stille. Und eine niedergebrannte, ausgefressene Landschaft. Wirklich gewinn-bringend für eine Region wären nur Maßnahmen, die diese Region danach langfristig in ihre Unabhängigkeit entlassen könnten. Das haben wir doch unlängst von der Unterstützung für Drittländer gelernt? 

Aber die Argumente - oder sollte ich besser sagen: Ausreden - ziehen immer noch. Der Glaube stirbt zuletzt. Und so sehen wir nicht nur zu, wie einst große unbezwingliche Berge und ihre einzigartige Landschaft, die es eigentlich zu erforschen gilt, zu wahrem Bergsteiger-Massentourismus plattgetrampelt werden und verkommen. Und einst einsame wilde Natur-Inseln zu Ferienwohnungsanlagen verstümmelt werden. Und arme Landstriche in die dadurch noch unberührte Natur bedingt dadurch dass man kein Geld hatte um sie zu zerstören nun nachhaltig entdeckt werden. Und man ihnen nun das antut, wovon sie mangels Interesse oder Geld bisher verschont geblieben waren. 

Dass dabei niemandem der Akteure auffält, dass genau dies jenen besonderen Charm ausgemacht hat, der so anziehend war und genau das durch sie zerstört wird, ist mir ein Rätsel. Und so kann man nun wieder erleben, wie ein bisher noch halbwegs erhaltenes "Insel-Idyll" zerstört wird. 

Lokales Beispiel: Mecklenburgische Seenplatte

Der Ausverkauf der Meckelnburgischen Seenplatte schreitet voran. Und erschreckend dabei ist wie Lokalpolitk und Lokalfernsehen, die den Landstrich doch unterstützen sollten, mitmachen. Und wieder an die alten Lügen des ach so großartigen Wachstums durch Tourismus und Aufwertung glauben wollen. Da werden im NDR ganz stolz reiche Leute gefilmt und vorgeführt, die alte Burgen und Gutshäuser kaufen und restaurieren und geschmacklos mit so tourismus-gefälligen historischen Schein-Utensilien verzieren, die das Gefühl einer alten Burg oder eines alten Gutshofes vermitteln sollen. 

Die Airbnb Anouce ist schon geschaltet und die ersten Touristen reisen an. Noch ahnen die einfachen Bewohner der Dörfer vor Ort nichts. Denn schließlich haben sie jetzt neue Kunden in ihrem Dorf-Konsum und können ein neues Wlan-Café aufmachen. Aber die Idylle trügt und sie werden bald merken dass man die Rechnung auf lange Sicht ohne sie gemacht hat. Dank der vermieteten Ferienwohnungen werden die Mieten steigen. Denn: Touristen kommen nicht aus armen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, sondern aus Regionen wo der Gehaltsspiegel und der somit angeglichene Mietspiegel ganz anders aussieht. Auch ist nicht jeder "urwüchsige Mecklenburger" bei solchen Gästen sonderlich beliebt. Das "Lokal-Colorit" bitte nur in Maßen und nur wenn es wenig kitschig daher kommt. 

Am Ende werden die Menschen die vor Ort leben verdrängt und das bisher schön naturbelassene Land zwischen reichen Spekulanten aus aller Welt aufgeteilt sein. So wie vieler Orts bisher. Und wieder ein Landstrich der für mich uninteressant geworden ist. Denn hier ist bald nichts mehr "echt". Sondern nur noch eine "Tourismus-Wüste".

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