Der wahre Journalist als Medienfigur

Gabor Munier
Geschrieben von:

Gabor Munièr

Autor, freier Kolumnist, Essayist

Wer interviewt den Interviewer?

Der wahre Journalist als Medienfigur

Wirksam im Schatten der Blogger

Bild von Zeitungsschnipseln verschiedener deutscher Tageszeitungen

"Blätterwald". Abbildung von Zeitungsschnipseln verschiedener deutscher Tageszeitungen. Ein Symbol für den "Blätterwald" und Synonym für den traditionellen Print-Journalismus. | photo by Autor & Filmemacher Sebastian Ugovsky | © 2015 All rights reserved

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Lesedauer: 5 mins

Zitat aus der Reihe "Interscenario Aphorismen": Wäre es nicht wichtig auch seriöse Print-Journalisten einmal zu interviewen? Auch sie zu Medienfiguren und somit rezensierbar zu machen? Den Spieß umzudrehen um zu erfahren: wer sind sie, die im Schatten der eigentlichen Geschehnisse Interviews führen, über Andere berichten, unser Weltbild prägen und dabei persönlich so zurückhaltend bleiben? Und wie sicherlich von wohlwollenden Lesern schnell bemerkt wurde, sprechen wir hier bei der Frage von seriösem und deshalb meist personal-technisch eher zurückhaltendem Print-Journalismus und nicht von notgeilem Attraktions-Journalismus, Gonzo-Journalismus als Ausrede dafür dass es zu(r/m) Autor(in) nicht gereicht hat, und auch nicht von der Boulevardpresse oder Bloggern, die für Zeitungen "witzige" Anekdötchen schreiben und durch Kontroversen zu Stars avancieren, um später damit ihr Buch voller Fäkalsprache zu bewerben.

"Eine Frage, die um Seriosität bemühte Journalisten kaum stellen dürften", könnte man jetzt reißerisch und polemisierend im TV-Magazin-Jargon sagen. "Pflegen sie doch ähnlich wie Polizisten und Regierungsbeamte einen bestimmten Berufsethos darüber was sich als Journalist gehört und was nicht. Und wer möchte schon gern zum Kaffee-Hohler degradiert werden, oder noch Schlimmeres: die Kaffeemaschine nie wieder zu Gesicht bekommen?!" Aber Spaß beiseite. Ich denke es gäbe eine Menge aufrichtiger Korrespondenten und Print-Journalisten, die sich darüber freuen würden mehr Aufmerksamkeit für ihre Arbeit zu bekommen, und die wenigsten wären besorgt über eventuelle Kritik an ihrer Person oder ihrer Arbeit, die mit der von mir hier genau aus dem Grund vorgeschlagenen Bekanntheit einher ginge. Das Zugeständnis der Mehrheit dass jemand eine Medienfigur, eine Figur des öffentlichen Lebens ist, macht diese Medienfigur nämlich auch rezensierbarer und medienwirksamer diskutierbar. Ist doch genau das Teil ihrer Arbeit. Die kritische Beleuchtung ihrer Umwelt. Und sie sind Teil dieser Umwelt. Das überhöhte Ich als unübersehbare Angriffsfläche. Ein Argument, welches man in der Debatte um New Journalism und seinem extremsten Vertreter, dem von Thompson begründeten Gonzostil, von Befürwortern sicher oft zu hören bekommen dürfte, sich mir aber im Zuge der wachsenden Häufigkeit und Auslegungsvariationen sowie dessen Renaissance im Zusammenhang mit bestimmten Personen schnell als Ausrede für pubertäres Schreiben offenbarte. Ausrede für jene hin oder her, im Kern für andere aber ein zu berücksichtigender Mechanismus.

Vereinzelt gäbe es aber sicherlich auch einige unter ihnen, denen unwohl wäre bei dem Gedanken, dass sie ins Rampenlicht gerückt würden. Und das aus gutem Grund. Unangenehm auf eine Weise, wie auch Youtube-Stars jüngst von heute auf morgen akzeptieren mussten, dass ihre damals noch als Untergrund getarnte größtenteils unkritisiert gebliebene Medienwirksamkeit nun zunehmend unter die Lupe genommen wird auf Grund der Anerkennung ihrer medialen Gonzo-Existenz. Was heißt das übertragen auf das ernste Fach: Wie jedes Metier, so hat auch der Print-Journalismus mit schwarzen Schafen zu kämpfen, die oft "ungeschoren" davon kommen mit ihrer Rhetorik und Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch unreflektierte persönliche Betrachtungen und "Neigungen" die ihnen bisher nicht wirklich öffentliche Kritik einbrachten, da sie diese ja nicht im Zuge eines Buches oder einer Talkrunde oder sonst auf ihre Person bezogenen rückwirksamen Weise geäußert haben. Sondern "halb"-anonym, als der kleine Hinweis oben rechts am Rand des Artikels mit der Kennung "Verfasser" oder "Autor" des Artikels. Mit einem Doppelpunkt, dem Vornamenskürzel und ihrem Familiennamen. Nicht selten in kleiner fast unlesbarer Schrift. Wenn der Autor überhaupt genannt ist. Geschweige denn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wäre. Was mit ein Grund für den damaligen Erfolg des New Journalism und seiner Wiedergeburt in der Bloggerkultur war.

Aber sie gibt es. Vereinzelt. Medial präsente seriöse "große" Journalisten außerhalb des Gonzoversums, die das nicht verwechseln. Und ich mag sie, weil ich glaube sie haben eine aufrichtige, reife und dennoch kindlich idealistische Neigung zu zeigen, dass sie es sind, die das sagen wollen, den Gedanken oder die Beobachtung äußern wollen. Das sie es sind, und nicht irgendein "Stift" im Büro. Und sie stehen dazu. Sind offen für Kritik an sich und ihrer Äußerung weil sie dadurch Teil der Gesellschaft werden, über die sie schreiben, ihre Beobachtungen dadurch breiter diskutiert werden und sie keine Angst davor haben dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen. Auf hohem Niveau. Fernab vom Zynismus der Zeit und der populären aber schon etwas angestaubten Common Sense Erkenntnis dass Bad Publicity Good Publicity sei und man nur provokanten Müll absondern müsse um einen Medienwert zu erreichen, der sich ausschlachten lässt.

Ich hatte schon des Öfteren angeregt, man sollte doch mal eine Reihe von Interviews starten, in denen vorrangig solche rar gewordenen Journalisten auf Grund ihrer besonderen Arbeit interviewt werden, man dadurch noch ein paar mehr Eindrücke darüber gewinnt. Vielleicht sogar noch mehr über die Auswertung der Arbeit erfährt als es ihnen selbst erlaubt wäre im journalistischen Schreibstil unterzubringen. Und sie werden dadurch auch zu einem kritisierbaren Autor stilisiert, der sich dadurch dann auch kritischen Fragen stellen muss. Das wäre sicherlich aufregend, medienwirksam, aber vor allem in Ihrem Sinne informativ zu gleich.

Eine (keine) Idee, die nicht neu und auch nur dann spannend ist, wenn sie keine Alltäglichkeit, also nur eine immer wiederkehrende kleine Attraktion darstellt. Was sich bei einigen "Publizisten" anderer Zünfte noch nicht herum gesprochen zu haben scheint. Und es gab ja hin und wieder auch bereits namhafte Journalisten, Stars ihrer Zunft, die gewollt oder ungewollt ins Rampenlicht gerieten. Aber sie stellen eher eine Ausnahme dar, die mit der Präsenz dieser Medienfiguren die Tatsache, dass es eine Vielzahl an völlig unbekannten aber wirksamen Journalisten gibt, die unser Weltbild unterbewusst mit prägen und durchaus interessante Objekte investigativem Beleuchtens wären, nicht entkräften.

Comments

RMeissner

Eine Gratwanderung, die auch Vieles gar nicht in einem Artikel besprechen kann. In der Regel ist das ein Fauxpas innerhalb des Journalismus so etwas zur Diskussion zu stellen, ob alt oder neu, ob faktisch korrekt oder nicht, ist dabei völlig egal, entscheidend ist das intern-lastige daran. Man kann es nun mal nicht allen Recht machen, wenn man es für Unerfahrene als auch Erfahrene thematisieren will. Ein paar Aspekte fehlen mir zum Beispiel, aber sie würden es wahrscheinlich unübersichtlicher machen.

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