Mississippi Burning - Szene mit Willem Dafoe

Ein gesellschaftskritischer FilmklassikerMississippi Burning (25 Jahre vor "Black lives matter"

Ein nicht nur wegen seiner Dringlichkeit und genau genommen sogar seiner neuen Aktualität (2025) wichtiger und nebenbei legendärer Film, der sich einreiht in die Liste der Filme, die ich hoch halte, weil sie sich dem Zynismus einer vermeintlich einzig und allein als Gesetz geltenden Regel des "netten Entertainments" nicht unterwerfen wollen und - wie eine Hand voll anderer Filme - als künstlerisch wertvoll zu erachten sind. Ganz zum Trotz jener, die meinen, dass dieses "Entertainment" das einzig entscheidende Kriterium für einen beachtenswerten Film sei und dies auch die einzig richtige Interpretation der Geschichte des Films sei. Wobei gut und gern vergessen wird, dass Kunst und Protest sich immer schon neue Leinwände und Ausdrucksformen suchte. Und dass Film als Stilmittel - ebenso wie Musik oder Schrift - nach seiner Entdeckung zum Werkzeug der Kunst wurde, ein weiteres Zeugnis dafür ist, dass der Mensch zu mehr im Stande ist als Butterbrot und Peitsche und sich gegenseitig sogar zum Nachdenken und Inspirieren zu verleiten vermag.

Ein Film, der zu den großen Historiendramen gehört und an dem kein sich selbst so bezeichnender Filmkenner vorbeikommen sollte ohne ihn gesehen zu haben. Mit einem grandiosen Sir Alan Parker seiner Zeit (verstorben im Juli 2020, 76), ganz im Zeichen seiner ganz eigenen Handschrift und damaligen Filmstilistik als Regisseur (Angel Heart) in seiner ersten und für mich bedeutenderen Schaffensphase (da unterscheide ich seine Filme stark), sowie einem legendären Cast, bei dem so manch jungen Menschen auffallen und in dem Moment bewusst werden müsste: "ah, das ist einer dieser großen alten Filme, der die Stars von Morgen schon in jung beherrbergte."

Nun zum Film. Aber ohne About-Text. Ich verstehe Filmkritiken nicht, die gern Absätze damit füllen zu beschreiben worum es in dem Film geht. Nur damit die Kritik dann gut, vermeintlich sachlich und lang aussieht. Dafür gibt es Trailer Presse- und Film-Kurzbeschreibungstexte. Nur darf natürlich nicht weggelassen werden, warum ich diesen Film als so wichtig und sogar wieder zeitgemäß erachte. Es geht um nichts Geringeres als das dunkle Kapitel der US-Geschichte, welches wohl weltweit bekannt sein dürfte unter dem Markenzeichen der Männer mit den weißen Dreieckshüten, brennenden Kreuzen, sowie dem Symbol bestehend aus 3 mal dem Buchstaben K. Der Film wurde inspiriert vom tatsächlichen Fall der Ermordung von den 3 Bürgerrechtlern James Earl Chaney, Michael Schwerner und Andrew Goodman durch Mitglieder des Ku Klux Klan in Neshoba County 1964. Ein damals um 10 Jahre zeitversetzter plötzlich medienträchtig gewordener Fall, der bereits 1975 unter dem Titel "Attack on Terror: The FBI vs. the Ku Klux Klan" als 2-teiliges TV-Doku-Drama für CBS verfilmt wurde. Der Titel des Films bezieht sich dabei auf den damaligen Decknamen der FBI-Untersuchung zu dem Fall: "Mississippi Burning", abgekürzt MIBURN. Interressanter Weise zu einer Zeit, in der J. Edgar Hoover noch der gefürchtete FBI Director und selbst bekannt für seine Ressentiments gegen Afroamerikaner war. Was sich in der Art wie die beiden FBI Agenten als nicht eindeutige Protagonisten agieren deutlich macht im Film.

Überhaupt hat der Film keine Oscar anvisierenden charismatischen Prota- noch Antagonisten im Cast oder im Close-Up. Denn der Film zeigt hingegen anderer Parker-Filme dabei eine der Tragödie Respekt zollende Purheit und Ungeschminktheit und ganz bewusst weitaus weniger jener künstlerischer Verspieltheit oder filmartistischen Rafinesse, wie man sie in anderen seiner frühen Meisterwerke und dessen Cast, wie zum Beispiel in "Angel Heart" finden kann. Das liegt daran, dass es einem empathischen klassischen Filmregisseur der alten Schule und auch Schauspielern seiner Zeit damals zurecht merkwürdig erschienen sein muss, solch eine tragische Geschichte dermaßen reißerisch und stilistisch mit einer eitlen Künstler-Signatur aufzuladen. Eine Form des Anstands und Gespürs beim filmischen Geschichtenerzählen, welches heutigen Filmemacher-Generationen völlig abhanden gekommen zu sein scheint. Einen Oscar für beste Kameraführung hat der Film dennoch vorzuweisen (Kamera: Peter Biziou, "The Truman Show").  Fast schon nüchtern wirken die aneinander gereihten oft in Distanz gedrehten Szenen von schrecklichen Greueltaten, und rein mechanisch festgehaltenen Straßen-Erhängungen sowie den trockenen Dialogen der FBI-Agenten darüber, ob man "Nigger" ernstnehmen könne, und die sich im Vorgehen gegen die Vergehen nicht immer einig sind. Wenig Augenbrauen-Nahaufnahmen, keine zuckenden Nasenflügel, oder kauenden Unterkiefer. Mit Abstrichen, die man natürlich dramaturisch der damaligen Zeit geschuldet machen muss, wirkt dies um so unerbittlicher und beklemmender im Gegensatz zu den Zeitlupenfahrten, Bass-"Boom"-Soundeffekten, Hanz Zimmer Sakralchören, vertraglich zugesicherten Oscarpreis-Monologen und Drohnen-Establishern der heutigen Filmästhetik.

Der Film spiegelt dabei mit damaligen Mitteln noch heute wirksam den tatsächlichen Querschnitt der Gesellschaft der 1950er-60er Jahre wieder und derer zum Teil völlig oder zumindest zu großen Teilen fehlender Empathie gegenüber Menschen anderer Hautfarbe und deren Schicksalen in jener Zeit, während diese in manch ländlichen Gegenden der USA wie Tiere gejagt, und ihre Unterstützer und Helfer innerhalb der "weißen" Gesellschaft ebenfalls lebensgefährlich bedroht waren, wenn niemand hinsah. Sicherlich kein rein US-territoriales Problem der damaligen Zeit. Und, wie man in jüngster Zeit wieder feststellen muss: auch kein rein auf diese Zeit beschränktes Problem. Leider. Immer noch. Man könnte auch sagen der Film ist zeitlos. Denn der Film kam 25 Jahre vor der Black Lives Matter Bewegung und 20 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King in die Kinos. Man könnte aber auch sagen: fast 50 Jahre vor der neu aufkommenden Welle ausländerfeindlicher Stimmung in der westlichen Kultur. Nicht falsch verstehen: Fremdenfeindlichkeit ist kein der westlichen Kultur vorbehaltenes Phänomen. Nur hat unser Kulturkreis eine Geschichte der kolonialen Ausbeutung der restlichen Welt vorzuweisen, wie kein anderer. Unser lange Zeit vorherrschender Wohlstand, der nun brökelt, wurde Jahrhunderte lang mit dem Blut anderer Kontinente und Kulturen bezahlt. Das scheinen Viele auch heute wieder zu vergessen, wenn sie den Untergang der eigenen Kultur versprüen und meinen Kriminalstatistiken verfälschen zu müssen um hervor zu stellen, dass "Ausländer" das Problem seien.

Und heute wie damals haben sich Filmschaffende dagegen stark macht. Ein grandioser Cast, angeführt von keinen 2 geringeren als dem jüngst verstorbenen Gene Hackman (Straßen von San-Franzisko) und einem immer auffallenden einzigartigen Willem Dafoe, der scheinbar bis in die Neuzeit hinein unermüdlich für anspruchsvolles Nachdenk-Kino zu stehen vermag. Und darüber hinaus - wie eingangs erwähnt - eine Rige an (da noch jungen aber Filmgenerationen später) zu den Großen zählenden SchauspielerInnen. Wie zum Beispiel eine noch sehr junge Frances McDormand, die später zu DER dauerbesetzten Coen-Brothers Schauspielerin werden sollte. Oder Lee Ermey, Michael Rooker, Brad Dourif, Gailard Sartain sowie einem noch jungen durch seine Nystagmus-Erkrankung der Augen (Augenzittern) bekannten Pruitt Taylor Vince und viele andere. Und der jüngst verstorbene Gene Hackmann war bekannt dafür sich für die Themen der afroamerikanischen Bevölkerung einzusetzen. Wie sehr er sich für diese engagierte merkt man zum Beispiel schon an einem Kommentar, wo McDormand in einem interview gesagt haben soll: „Für Mississippi Burning habe ich keine Recherchen anstellen müssen. Ich habe einfach nur [Hackman] zugehört...“

Jahrzehnte vorgreifend thematisiert der Film dabei nebenbei unterschwellig noch etwas anderes Wesentliches zu dieser Milieustudie. Was in ebenfalls empfehlenswerten sozialkritisch und philosophisch motivierten grandiosen Filmen wie zum Beispiel in Paul Haggis' unerreichten Großstadtmelodram "L.A.Crash" Jahrzehnte später erst zu einem Leitmotiv dieser Filme werden soll: Keine reine Anklage. Denn der Schrecken der Zeit ist nicht immer hoch-dramatisch sichtbar. Sondern eher oft fast schon alltäglich. Und hat dabei keinen melodramatischen Trommelwirbel, sondern nicht selten eher im O-Ton: "Wer frei von schuld ist, werfe den ersten Stein". Denn niemand ist frei von Vorurteilen. Aber eben nicht relativierend, verharmlosend, sondern beobachtend eingefädelt in die Auseinandersetzungen. Wie sie die FBI Beamten in Mississippi Burning zum Beispiel untereinander haben. Und dass die örtliche Polizei zu großen Teilen dabei in die dubiosen Machenschaften und Verbrechen des KKK eingeweiht war, sollte dabei aber niemanden überraschen. Und genauso wirkt es inszeniert. Fast schon alltäglich und normal. Also, wenn man brennende Hütten der Afroamekrikanischen Bevölkerung unter dabei völlig kaltlassender Beobachtung der dabeistehenden Polizei als normal empfindet... Nicht auf die Tränendrüse drückend. Doch dabei eben gleichzeitig unbeschreiblich erdrückend.

Es ist jedoch der Zeit und dem Stil damaliger Filme geschuldet, dass dabei die eine oder andere Dialog-Szene plötzlich etwas "holzig" wirkt, Schauspieler sich ganz plötzlich und etwas über-theatralisch buchstäblich an den Kragen gehen. In einer Weise, die heute etwas überzogen oder karrikaturistisch wirken mag. Es war ein bekanntes Stilmittel der Zeit einige gespielte Dialoge oder Monologe dann plötzlich fast schon theater-ähnlich und sehr körperlich ausbrechen zu lassen (z.B. die drohende hochgehaltene Faust). Die wohl bekanntesten Szenen dieser Art kennt man von frühen Filmen mit Marlon Brando und es gehörte zum filmischen Coleur der Zeit. Zumindest im frühen Charakterfach. Vielleicht sogar ein spätes Echo aus der Stummfilmzeit. Ich finde es gehört zu der Bereitschaft solche alten Filme zu schätzen, diese und andere kleine Unarten der jeweiligen Epoche für sich richtig zu "übersetzen" und somit ins rechte Licht zu rücken, damit der Eindruck zeitgemäß und zu einer richtigen Gesamt-Einschätzung des Filmes beiträgt. Und nicht wie heute oft üblich dazu führt die Werke zu framen für Eigenheiten, die nunmal in ihre Zeit gehörten. Deshalb auch meine Einschätzung, dass der Film im Verhältnis zu seiner Zeit wenig solcher Melodramatik aufweist.

Aber eines sollte man für junge Menschen als Vorwarnung in Filmkritiken zu solch Filmen einfließen lassen: Auch wenn der Film schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat und sicherlich einige junge Zuschauer glauben, dass solch alte Filme wenig emotional auszurichten vermögen, seien sie gewarnt: die Tragik und menschlichen Schicksale die hier auf wahren Begebenheiten beruhend geschildert werden, ist nichts für einen "entspannten" Popkorn-Abend. Also wer grad schweren Gemüts ist und trotz heutiger Verstrahlung ein Stück weit empathiefähig geblieben ist, sollte sich einen guten Zeitpunkt für eine Sichtung überlegen. Planen kann man dies derzeit ganz gut, denn der Film ist zuweilen in einigen Streamingdiensten - aber auch, und das sollte nicht unerwähnt bleiben, in einigen sich wieder neu erfindenden realen Arthouse Videotheken - erhältlich. In jeder 2. Großstadt kann man solch ein Geschäft nun neuerdings wieder entdecken. Aber auch kleine Kult-Kinos haben diesen Filmklassiker hin und wieder im Programm.

Filmprädikat: Wertvoll / Filmklassiker mit 10 von 10 Punkten

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