Der milleniale Beuys Effekt

Gabor Munier
Geschrieben von:

Gabor Munièr

Autor, freier Kolumnist, Essayist

Wunsch nach detailierten Raum zur Rezeption

Der milleniale Beuys Effekt

Warum muss immer alles unfassbar groß sein

Preview Karl Lagerfeld mit einer Uhr von Stefan Strumbel
Themen Bereich
Lesedauer: 4 mins

Was Schlingensief für das Theater der Jahrtausendwende war, wollen Künstler wie Stefan Strumbel vielleicht mit ihren Arbeiten für eine neue Generation von Kunstrezipienten sein. Zumindest wirkt es annährend so, wenn man Analogien - die ja immer etwas hakelig sind - freimütig zulassen will.

Wie man erahnen kann: In diesem Kurz-Essay geht es um Zweifel. Und nein, dabei geht es mir eigentlich nicht um Strumbel. Sondern um ein gesellschaftlich erfolgreiches Künstler-Konstrukt, für das er hier steht. Vieles von dem was man bei Interesse erhaschen kann, wirkt ... wie ein witziger T-Shirt Spruch, oder ein "Spiel mit der Umgebung", wie es so schön heißt. Oder wie die Spontan-Ölmalerei der Post-Pollock Ära, die sich ja dann mit dem Sitzbezügen der Berliner S-Bahn endgültig den wahren Wert beimaß: Oberflächlich. Und oft emotional nachträglich (v)erklärt. Irgendwie im Kern nicht brennend, nicht notwendig. Nicht - wie ich es von großen Künstlern kenne oder ersehne - man das Gefühl hat: es war zwanghaft und zutiefst emotional getrieben notwendig, unausweichlich.

Und nein, dabei geht es auch nicht um die uralte Debatte: Was ist Kunst. Die, wie ich finde, nicht selten völlig aneinander vorbeigeführt wird, weil die Beteiligten nicht merken, dass sie über zwei verschiedene Dinge diskutieren. Die einen über den Kunstbegriff und dessen Bedeutung und Stellenwert in unserer zivilisatorischen Entwicklung. Und die anderen eigentlich über "Kunsthandwerk" im Sinne von Handwerk sowie Kunst im Sinne von "Können".  Aber dafür müsste man weiter ausholen. Darüber kann man stundenlang Säle füllen und Debatten führen. Die Meinungen gehen weit auseinander. Und genau da wird es haarig. Oder eben nicht. Denn am Ende ist es doch keine reine Kopfsache mehr. Das ist ja das Spannende und irgendwie auch "esoterische" - wenn ich wieder einmal eine heikle Analogie bedienen darf - an Kunst.

Ich möchte Strumbel hier nicht unnötig belasten und für diese Debatte missbrauchen: Joseph Beuys, zum Beispiel, wurde im selben Zusammenhang viel diskutiert. Viele Beteiligte solcher Diskussionen halten Beuys heute für überschätzt. Und laut einer Legende die eines Tages alle Tageszeitungen füllte, sah das eine Putzfrau in einem Museum wohl ganz genauso. Als sie ein "Kunstwerk" von Beuys versehentlich wegputzte. Und damit einen Millionenschaden verursachte. Aber genau da sehe ich das eigentliche Problem. Denn für einfach überschätzt halte ich ihn (als auch Strumbel) eigentlich nicht. Für mich war Beuys im Speziellen nur besser in einem Philosophie-Hörsaal aufgehoben als in einer Galerie. Und der Personenkult war einfach unverhältnismäßig. Wie der Preis für eines seiner Werke. Ich versteh eben nicht die Verhältnismäßigkeit und den Millionenwert eines Kunstwerkes, was zu 80% aus rieselndem Sand besteht.  Vielleicht hätte diese Kurzessay auch heißen müssen: "Die überzogene Elite des Kunstaktionsmarktes", oder so. Aber dann hätte ich den Fokus auf vereinzelte Symptome verschoben. Die Ursache liegt in der breiten Gesellschaft und der Entrückung des Kunstbegriffes, damit so etwas überhaupt möglich ist.

Und damit kommen wir zu meiner Analogie in der Überschrift. Ich will hiermit nicht sagen: "Strumbel, was soll das alles?" Weil ich versteh ja "was es soll". Meine Kritik basiert nicht auf Unverständnis. Auch nicht unbedingt auf dem Künstler direkt selbst. Sondern vielleicht vielmehr an der "Bubble", wie es heut so schön heißt (furchtbares Wort!). Ich zweifele an der Verhältnismäßigkeit. Nicht jeder kann ein bedeutender Jahrhundertkünstler sein. Und das ist auch gar nicht schlimm. Wenn man es aufrichtig meint, braucht man das auch gar nicht. Sein, meine ich. Weder als erstrebenswertes Ziel. Noch als abschließende Anerkennung.

Aber das Problem an den heutigen Zeiten ist eben, dass alle und alles einen Trigger braucht, um ihre Sachen durchsetzen zu können. Also ist es wichtig "Figuren" zu haben, die man zu Hofe rufen kann, um den Saal voll zu kriegen. Am liebsten auffällige und schillernde Erscheinungen. So entstehen substanzschwache Mythen. Und eine Welt voller Marketing mit viel Hohlraum. Vehementer Missbrauch von Superlativen, die nur noch Worthülsen sind. Und dabei hätte Vieles davon bei genauem Hinschauen sogar das Prädikat Kunst verdient. Nur den erkennt es sich selbst ab in der Art wie es mit der Wirtschaft und Ökonomie inklusive der "Besprechungsindustrie" drum herum interagiert.

Das erinnert mich an einen schönen Satz von Restaurant-Kritiker Simon: "Irgendwann hat sich Paris mit den Michelin Sternen selbst ausgehöhlt und ich empfand es als aufregender einen kleinen Imbiss um's Eck auszuprobieren, als einen weiteren Stern an Molekular-Küche zu vergeben..."

Denn am Ende ist jede Kunstform auch eine Performance, zu der es eine Geschichte gibt. Und die ist heute meistens der Schwachpunkt.

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