Stars aus dem Osten sind kein Freiwild

Britta Leuchner
Geschrieben von:

Britta Leuchner

Filmkritikerin, freie Publizistin

Wie öffentliche Gesichter in einer Zeit eingefroren werden

Stars aus dem Osten sind kein Freiwild

Künstler Persönlichkeiten als Opfergabe im Retrokult

Preview DEFA Studios für Spielfilme (Heute Studios Babelsberg)

DEFA Studios für Spielfilme (Heute Studios Babelsberg). Lizens: Die Google Arts & Culture-Plattform akzeptiert nur urheberrechtsfreie oder urheberrechtlich freigegebene Bilder von Partnern.

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Lesedauer: 8 mins

"Stars aus dem Osten" sind kein Freiwild! ... Eine sehr provokante Titelzeile, ich weiß. Und das wollte sie auch sein. Ich mag auch den Begriff "Stars aus dem Osten" nicht! Aber ich wollte damit gleich die "richtigen" Leser ansprechen. Worum es geht? Um eine immer häufiger auftretende skrubellose Masche der Nachverwertung von bestimmten Teilen einer ehemaligen Kulturszene ohne Rücksicht auf die Menschen dahinter. In der Hoffnung, dass "bestimmte Personen" diesen Artikel mal bitte ernsthaft lesen und sich vielleicht einmal Gedanken darüber machen, was sie da eigentlich tun. Aber auch gerichtet an jene, die diesen "Veranstaltern" aus Interesse und Nostalgie folgen. Es ist nämlich nicht alles so schön bunt wie es aussieht. Und geht nicht selten auf Kosten damals beteiligter Künstler.

Ich rede von den selbsternannten "Rettern Ostdeutscher Kultur". Fanvereine, Social Media Gruppen, Webseiten, Veranstalter, Einzelpersonen und Grüppchen, die sich immer und immer wieder in den alten Kunst & Kulturerzeugnissen - oft Filme, TV-Serien und ihre Stars - also den darin damals aktiven Künstler-Persönlichkeiten "aalen". Und dies gern über ihre eigenen Webseiten und Social Media Accounts verbreiten. Und dabei auch gern und oft öffentlich bekannte Personen, die damit in Verbindung gebracht werden, unermüdlich zu behelligen. Sie zu benennen, sie ungefragt zu zitieren (oft falsch und ohne Quelle) oder ungefragt einfach deren Fotos und anderes Material zu verwenden. Oder schlimmer noch: permanent anzufragen, ob sie nicht zu Treffen kommen könnten, Interviews geben würden, Videomitschnitte von sich machen lassen würden und so weiter. Als wären diese Künstler nur Relikte dieser Zeit und Freiwild, welches man einfach zu solch einer Veranstaltung hin und her zitieren kann. Milde ausgedrückt: das ist nicht nett. Weniger milde ausgedrückt: das ist den Menschen hinter dieser öffentlichen Person gegenüber nicht nur unhöflich, sondern auch respektlos und ihrem Schaffen als Künstler gegenüber unwürdig. Vor allem wenn jene auch heute noch aktive und bekannte Persönlichkeiten sind, die sich eben nicht nur mit dieser Zeit identifizieren.

Auf die Idee für diesen Kurz-Essay bin ich gekommen, als ich (Außenstehender, der Kontakt zu Künstleragenturen und Künstler im Umfeld pflegt) mitbekommen hatte, wie mehrere Schauspieler, die aus Filmen der Zeit vor der Mauer bekannt waren (sowie aber auch andere Interpreten und Künstler der Zeit, die in solchen Werken, Filmen, Serien etc. vertreten waren), eben immer und immer wieder angefragt und buchstäblich ausgenutzt wurden. Aber eben nicht vorsichtig und mit Mühe und Verständnis bittend. Wie Fans das normaler Weise tun würden, wenn es nicht um ihre sogenannten "Ost-Stars" geht. Sondern fordernd. Als wären sie staatlich beauftragte Kultur-Attachés des Ost-Films. Und mit einer überhöhten Selbstverständlichkeit, das mir die Kinnlade runterfiel. Als müssten diese öffentlichen Personen für Hobby-Veranstalter wie selbstverständlich Spalier stehen, wenn solch eine Anfrage kommt. Es wurde so auffällig häufig, dass es mich zunehmend anfing zu ärgern.

Und dazu brauchte ich keinen persönlichen Bezug. Ich habe nur erlebt, wie die Künstler sich dann oft davon überrumpelt fühlten und versuchten nett zu sein und den Fans zu helfen. Aber ich sah vor allem eines: eine dreiste Übergriffigkeit gegenüber Künstlern, deren Bühnenauftritt wohl für solche "Fans" nicht vorbei ist, wenn die Show um die es geht schon vor Jahrzehnten endete. Und vor allem diese auch auf unerträgliche Weise öffentlich an diese Zeit zu ketten versuchen. Mit Titeln und Bezeichnungen wie "DEFA Kommissar des Ostens" oder "Star des Ostens" oder Schlimmeres. Ganz egal ob derjenige unlängst eine darüber hinaus bekannte Künstlerpersönlichkeit ist. Verschont werden nur jene ein wenig mehr, die vorher "rüber gemacht haben". Man scheint sie als "Verräter" an diesem Kult zu betrachten...

Sicherlich gibt es den einen oder anderen nicht mehr aktiven Künstler, der sich über so eine Anfrage von Fangruppen vielleicht sogar freut, um in Erinnerungen zu schwelgen. Weil darauf vielleicht nichts mehr in der Art folgte. In dem Falle wäre es ja tatsächlich eine zutreffende Zuschreibung zu der Zeit. Aber mehrheitlich ist es doch eher so, dass solche Anfragenden insbesondere jene Künstler, die weit darüber hinaus aktiv sind, immer und immer wieder auf diese Zeit reduzieren. Und sich damit rücksichtslos auf deren Kosten versuchen einen "Markt" als "Nachverwerter" dieser Zeit aufzubauen. Auf Kosten jener Künstler, die eben vielleicht aber inzwischen über Vieles andere oder gar viel Interessanteres darüber hinaus bekannt sind. Und auch nicht mehr ständig alte Kamellen aufwärmen wollen.

Aber es hat den Anschein als wenn die Anfragenden glaubten, sie hätten eine Sonderberechtigung und saugen frech und ungeniert parasitär an ihren Wirten mit einer Unbekümmertheit daherkommend, dass es einem die Sprache verschlägt. Und es folgen nicht selten Beschimpfungen, wenn man auf ihre Anfragen nicht reagiert oder ablehnt. Als hätte man auf diese öffentlichen Personen "von Damals" ein spezielles Anrecht. Wie auf Freiwild. Und der Punkt dabei (und Grund für diesen Artikel) ist: eben nur weil sie im Osten aktiv waren. Das ist mir hier eben auf besondere Art aufgefallen. Denn ich habe so etwas in der ausgearteten Form noch nirgends anderswo im Fankult erlebt. Revival-Shows and Fanclubs alter Serien etc. gibt es, ja. Aber nicht in dieser übergriffigen Form, wie in diesen speziellen Fällen.

Ich schreibe dies auch für jene, die vielleicht nicht direkt damit zu tun haben, aber gern da mit machen wollen oder aus persönlichen Gründen oder Vorlieben damit liebäugeln und gern deren Webseiten oder Veranstaltungen besuchen. Merkt euch eines: Wenn es seriöse retrospektivische Veranstaltungen gibt mit "Stars zum Anfassen von Damals" wie es so schön heißt, und wo in Erinnerungen alter Kultfilme oder ähnliches geschwelgt wird, dann werden diese meistens von jenen selbst initiiert. Oder von ihren Produktionsfirmen oder Agenturen. Und wenn nicht, dann zumindest in respektvoller kunstvoller Art. Und zwar mit vorherigem Einverständnis oder gar auf Initiative der Beteiligten. Die gern den Fans noch einmal die Hand schütteln wollen, oder so. Aber eben nicht von sich überschätzenden Hobby-Veranstaltern oder Blutsaugern, oder solchen selbsternannten in keinster seriösen Weise mit den Künstlern in Kontakt stehenden Einzelpersonen oder Vereinen, die damit versuchen sich ihren Lebensabend zu versüßen oder sich selbst damit ins Rampenlicht zu rücken. Und alle anderen dafür "antanzen lassen".

Wenn so etwas von unabhängigen Personen oder Gruppen ins Leben gerufen wird, kann man (in der Mehrheit der Fälle, Ausnahmen bestätigen die Regel) fast immer davon ausgehen, dass diese keine Einwilligung der damals Beteiligten Akteure und Künstler haben. Und es eher ein für sie ganz persönliches Anliegen ist mit dem sie dann auf Kosten der ehemals Beteiligten online und offline auf Werbetour gehen. Was für viele Künstler, Agenturen und andere viel zusätzliche Arbeit und Kosten bedeutet um Beschwerden abzuwenden, Abmahnungen zu überwachen und um Verständnis zu bitten. Wenn da dann einer "von damals" mitmacht, dann nicht selten aus reiner Nettigkeit und Geduld. Oder weil derjenige mit dieser Arbeit von damals abgeschlossen hat.

Die anderen noch aktiven Künstler werden damit nur ausgenutzt und oft sogar ungebeten damit auf die Zeit reduziert und geschädigt. Und das ist nicht nur nicht OK. Es ist zu großen Teilen sehr oft rücksichtslos und nicht selten sogar an rechtlichen Grenzen vorbei (Stichpunkt: Urheberrechte für Fotos, falsche Zitate, etc.).

"Was regt die sich so auf?", fragen Sie vielleicht. Nun: Haben Sie schon einmal erlebt, dass einfach eine Person losgezogen ist und eine Retrowelle für 1970 Jahre Hollywood Stars losgetreten hat und dann alle Stars einfach frech falsch zitiert hat und deren Fotos unerlaubt verwendet hat und diese Persönlichkeiten dann auch noch aufgefordert hat zu irgendwelchen Kaffee-Kränzchen oder privaten Interviews zu erscheinen? Und das dann groß im Netz verbreitet ohne Konsequenzen? Nein? Ja wahrscheinlich weil sonst unlängst Gerichtsklagen noch und nöcher gehagelt hätte.

" ... Entschuldigen Sie Herr Clooney (oder DeNiro oder ...), aber wir möchten Sie gern zu unserem "Alte Hollywood Stars" Kaffee-Kränzchen einladen. Wir haben Sie auch schon überall im Internet angekündigt mit einem Zitat von Ihnen "Ick bin ein Böerliner"! Es wäre nett wenn Sie pünktlich erscheinen und Ihre Frau mitbringen. Wir haben auch schon mal eine Webseite für Sie gemacht und angemeldet: old-man-clooney-party.com mit Fotos von Ihnen und ihren Kindern beim Bockwurst-Essen in Berlin. Ein Schnappschuss eines Fans. Und ein paar Jugendfotos von Ihnen haben wir auch noch gefunden... Wir fanden es witzig dabei auch darauf aufmerksam zu machen dass Sie einem Präsidenten von damals sehr ähnlich sehen und wollten Sie fragen ob Sie überhaupt noch Filme machen? ... Es wäre auch gut wenn Sie für ein Interview zur Verfügung ständen. Schließlich machen wir hier seriöse Fanarbeit! Auch finden wir es sehr merkwürdig dass unsere vorherigen Anfragen einfach nicht beantworten wurden. Nennen Sie so etwas Pressearbeit?!"

Na wie liest sich das? Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe hier nur ein wenig Namen und Kontext geändert um Ihnen zu verdeutlichen wie absurd dieserart Anfragen oft sind. Ersetzt man hier den Namen mit einem Schauspieler internationalen Formats, den man respektiert, merken jene vielleicht mal wie frech und dreist so etwas ist.

Nur interessanter Weise glaubt man, dass man dies mit ehemaligen Ostschauspielern einfach so machen könne. Und das funktioniert meistens nur deshalb, weil jene zu nett sind um sich dagegen zu wehren. Und basiert wahrscheinlich nicht selten auf dem Irrglauben, dass die ja alle nichts anderes zu tun haben.

Falsch gedacht. Denn viele dieser Schauspieler und auch anderer Künstler haben in ihren Schaffensphasen mit bestimmten Kapiteln vielleicht auch abgeschlossen und sind inzwischen - im Gegensatz zu manch ihrer Fans - unlängst in der heutigen Zeit angekommen! Und arbeiten immer noch als Künstler. Nur aber eben in einer neuen Schaffensphase ihres Lebens. So auch Schauspieler aus dem ehemaligen Osten. Es wäre wirklich großartig, wenn Menschen genügend Empathie aufbringen könnten um das nachzuvollziehen.

Und nichts gegen Fans der guten alten Filme. Wer liebt sie nicht! Ehrlich gemacht. Mit einer Prise filmischer Ästhetik wie es sie heute nur noch selten gibt! Ich verstehe das! Aber gerade weil ich Fan dieser Werke von damals und derer bin, die daran mitgewirkt haben, habe ich auch ein wenig Respekt vor diesen Menschen des öffentlichen Lebens.

Und betrachte sie nicht als Freiwild.

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