Alexander Kluge 1983 - Photo by Gorup de Besanez on Wikimedia | License: CC BY-SA 4.0
Alexander Kluge war ein vielseitiger deutscher Intellektueller – tätig als Filmemacher, Autor, Produzent, Drehbuchautor, Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer. Als Mitbegründer und prägende Figur des Neuen Deutschen Films verband er Theorie und Praxis maßgeblich. Neben einflussreichen Filmen profilierte er sich insbesondere als Autor und Filmtheoretiker; sein umfangreiches literarisches Werk besteht überwiegend aus Kurzgeschichten. Kluge verstand sich selbst mehr als Autor denn als Filmemacher.
Alexander Kluge: Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang (Der Anwalt der Kunst nahm seinen Hut)
Das Leben ist im Gegensatz zum Universum räumlich und auch zeitlich begrenzt und man hat als Lebewesen mit erweitertem Bewusstsein den Tod ja eigentlich immer vor Augen, während wir aber - so scheint es - das nicht recht wahr haben wollen, dass der Prozess schon mit unserer Geburt eingeleitet wurde. Die Akzeptanz dessen nennen wir in der Kunst und in der Philosophie die dritte Ebene. Das Kreative daran ist die Erweiterung: "Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang". Zitat: Alexander Kluge.
Gestern Nacht ging ein Mensch von uns, der mir viel bedeutet hat. Gerade vor 3 Tagen sprach ich noch mit Kollegen darüber wie gern ich ihn im Rahmen einer philosophisch anspruchsvollen Theaterproduktion kontaktiert hätte, aber befürchtete, dass dies aus Altersgründen wahrscheinlich nicht mehr möglich sein wird. Bei der Gelegenheit sprachen wir über Begegnungen und seine Einfühlsamkeit und wie großartig ich seine Rede zum Tod von Christoph Schlingensief in Erinnerung hatte. Wir teilten immer schon die frühe Erkenntnis über die Bedeutung von Schlingensief.
Und nun? Nun ist die Dämmerung in die Nacht übergegangen. Ein gerade heute so wichtiger und un-korrumpierbarer wacher aber sanfter Geist, Denker, Mitfühler, Künstler, Kulturschaffender und Kulturförderer einer besonderen Generation ist von uns gegangen: Der Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler und "Anwalt für die Kunst" - wie ich ihn gern nenne - Alexander Kluge starb gestern Nacht im Alter von 94 Jahren.
Ich fühle mich gerade leer, schau mich um, schau in den Himmel, höre dem Wind und den ersten Frühlingsvögeln zu und wie das Leben erwacht hier an der Nordseeküste, während ein anderes im Süden Deutschlands gestern Nacht endete. Und ich lasse mich hineinfallen in das Gefühl der Trauer. Ich weine. Das ist nicht geheuchelt, das ist okay. Es ist wichtig zu weinen, wenn einem etwas bedeutet und man es gerade kann. Denn meine Haltung ist klar und deutlich: die Lücke die dieser großartige Künstler hinterlässt ist groß und ich möchte ihm meine aufrichtige Verneigung und mein Bedauern über den Abschied irgendwie in den Himmel senden.
Er hätte es so gesagt: Es ist keine Schwäche traurig zu sein. Es ist eine Stärke. Stärke zeigt sich eben nicht immer in Form von Resolutheit. Stärke kann sich auch äußern in der Form wie man Gefühle an sich heran lässt und aushalten kann. Dass man die Sensibilität und Empathie ertragen kann, viele emotionale und psychische Schmerzen ertragen kann, und weniger dem Phänomen des "Empfindungen-unterdrücken-müssens" oder des "Filterns" - wie es oft so schön heißt - erlegen sein muss, ohne dabei "kaputt" zu gehen.
Gern würde ich mit ihm über den Umgang mit dieser besonderen Form des Abschieds philosophieren. ZUm Beispiel: Wie viele Menschen trauern. Aufrichtig. Um Menschen die gegangen sind und zu denen sie einen Bezug haben. Oder wie vielen Menschen man es nur einfach nicht ansieht, und sie es "mit sich ausmachen". Oder es auch innerlich komplett "weg drücken". Oder ob ihre Trauer nach außen oder nach innen echt ist oder nicht. Die Frage ist zwar spielerisch interessant zu stellen, und das haben wir geliebt. Aber sie ist eigentlich nicht zu beantworten. Nicht wahr? Weil sie impliziert, dass man das abwägen könne. Was man eben nicht kann. Und auch schwer zu beantworten weil man auch nicht wissen kann inwiefern jene das Ableben wirklich abstrahieren (können), und wollen. Oder ob es ihnen zu verschwommen, zu abstrakt, zu weit weg ist. Oder zu viel Angst macht, einfach weil der Fakt, dass das Leben in den meisten Fällen tödlich endet, sie sonst wahnsinnig machen würde.
Man hört auf Beerdigungen von Menschen ohne Tränen in den Augen oft den Satz: "Ich trauere anders". Und mein Reflex war dann immer zu sagen: Das verstehe ich. Und ich glaube viele davon trauern vielleicht sogar "aufrichtiger" als andere. Was keine Gegensätze implizieren muss. Aber das bringt mich zu einer anderen nicht so individuellen Frage: ist Trauer wirklich _nur_ etwas individuelles? Aufrichtig gefragt. Ich weiß es wirklich nicht. Weil für mich die Trauer auch ein Dienst an dem Menschen ist. Mit Dienst meine ich im Sinne wie ein Freundschaftsdienst, eine Geste, eine darauf-zu-gehen (wollen). Eine Verneigung.
Trauer ist nicht heuchlerisch und auch nicht egoistisch. Nicht nur. Jedenfalls nicht im Sinne von "trauere nicht um den Menschen, der hat nichts davon". Natürlich ist Trauer ein Gefühl welches _DU_ hast, nicht derjenige, der gegangen ist. Und es soll deren Schicksal nicht schmälern, dass man heraus nimmt auch unter ihrem Schicksal mit zu "leiden". Trauer ist eine Form des Bedeutunggebens. Dem Leben des anderen.
Indigene Völker halten buchstäblich Trauer-Séancen und steigern sich darin quasi stunden- oder tagelang hinein. Wie in Trance. Das ist nicht individuell. Es ist ein Gruppen-Ritual. Und ich denke ein schöner Teil davon daran ist: es gibt dem Gegangen eine Bedeutung. Die Bestattungen sind buchstäblich Feste und es ist als würde jemand Hochzeit feiern. Wie feiern unsere Toten nicht. Wir haben Angst davor, weil wir wissen, dass wir ihnen über kurz oder lang folgen.
Es wäre in Alexander Kluge's Sinne gewesen, da bin ich mir sicher, dass ich nicht den fatalen psychologischen Fehler mache und mich in den Chor jener einklinke, die nun in einer bereits halb vorbereiteten Abschiedsrede über das Leben von Alexander Kluge schreiben, als wären sie dabei gewesen. Nur er selbst könnte diesen Text wirklich schreiben, da wären wir uns beide einig! Das glaube ich fest aus den viel zu wenigen Gesprächen, die ich mit ihm an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin vor 2 Jahrzehnten teilen durfte. Gott, ist das schon so lang her?
Man kann im Grunde nur über sich selbst sprechen und nicht wirklich über andere. Und wenn dann nur in dem Sinne, was sie für uns waren. Also wieder aus der Ich-Perspektive. Den Moment zu nutzen um in einem Gedenktext an ihn über Trauer zu philosophieren, wäre genau in seinem Sinne gewesen, und er hätte - da bin ich mir sicher - unglaublich viele interessante Aspekte und Gedanken dazu beitragen können, die ich mir gerade sehnlicher als alles Andere herbeiwünsche.
Der Vorhang ist gefallen. Aber das Stück ist noch lang nicht vorbei, denn es ist eines der Stücke, welches nachhallt und mit dem Publikum zusammen den Saal nicht einfach nur verlässt, sondern im Leben weiter hallt, weiter spielt.
Er wird sehr sehr vermisst. Gerade in diesen Zeiten.
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