Gabor Munier
Geschrieben von:

Gabor Munièr

Autor, freier Kolumnist, Essayist

Links, Rechts, Rot, Grün, Gelb, Ost, West

Provisorische Koordinatensysteme

Und warum sie unsinnig sind

Preview Abbildung zweier Sektglaeser mit Farbreflektion

"Double Reflection". Ein passendes Symbol dafür wie das Eine im Anderen zu finden ist. | photo by Arwen Abenstern - KWP | provided by flickr | © CC BY 2.0

Preview Abbildung einer Schublade mit Menschen verschiedener Ethnien

"Schubladendenken". | photo by Ökologix | provided by Wikimedia Commons | © CC BY-SA 3.0

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Lesedauer: 7 mins

#Links, #Rechts, Rot, Grün, Gelb, #Ost, #West. All diese ausgehöhlten Begriffe haben eines gemeinsam. Sie sind von gestern. Nicht, dass ihre Bedeutung abgenommen hätte. Nein, kann sie gar nicht. Denn sie war damals schon so gering wie heute. Nur wird es immer spürbarer. Ein politisches und ethisches Koordinatensystem hat endgültig ausgedient.

Und alles fing an mit der magischen "2": Gut und Böse, Himmel und Hölle, später Links und Rechts, Ost und West. Wer sich da nicht einordnen konnte, war halt Mitte oder Extrem. Selbst der Versuch, mehr Detailliertheit in dieses grobe Gestrüpp zu bekommen, indem man Farben, Anhängsel oder Vorsilben hinzufügte, wie z.B.: Rot, Grün, Gelb, Neo- oder Alt- oder Kombinationen wie Links-Liberal oder Ausgrenzungen, wie mit dem Adverb "extrem", halfen bald nicht mehr. Ist das Leben und somit auch das (politische) Denken vielleicht doch vielschichtiger als wir es gern der Übersicht halber hätten?

Vielleicht sollte man sich endlich eingestehen, dass in dieser Welt jeder einzelne Mensch ein vermischtes politisches Bild hat, welches sich nicht wirklich genau irgendwo eingruppieren oder abgrenzen lässt. Und noch weniger dadurch, dass es sich im besten Falle durch Selbstkritik, Erfahrung, und Entwicklungspotential auch ständig ändert. Generell politisches Interesse natürlich vorausgesetzt.

Selbst Printmedien, Radio - und Fernsehanstalten schwant allmählich, dass diese ohnehin schon nichts sagenden Begriffe zunehmend unhaltbar werden. Dennoch gibt es doch tatsächlich immer noch Fälle, in denen auf die alten Farben und Begriffe zur Positionierung zurückgegriffen wird. Insbesondere wenn es darum geht, jemanden zu denunzieren oder zu einem Standpunkt zu zwingen oder öffentlich als Jemand mit dem und dem politischen Stempel zu versehen. Dazu wird heute aber tiefer in die Trickkiste gegriffen. Jemand z.B. als links zu bezeichnen, zieht halt nicht mehr, da links salonfähig geworden ist. Da muss schon so was her wie Terrorismusbefürworter oder Schlimmeres. Jemanden als rechts zu bezeichnen ebenso wenig, dazu müsste Derjenige schon klar islamophobe Äußerungen gemacht haben. Aber was ist nun wenn ein vermeintlich Linker sich islamophob äußert? Tja dann ist plötzlich das ganze Weltbild durcheinander gekommen.

Ich kann zur Weihnachtszeit ja mal ein kleines Gesellschaftsspiel vorschlagen: Man nimmt eine wirre Sammlung von unbekannten Zitaten bekannter Persönlichkeiten aus Funk und Fernsehen und schreibt sie auf kleine Merkzettel. Dann werden sie dem Kandidaten vorgelesen und er soll raten, welcher Gesellschaftsordnung (also Land, Region, Zeit), oder welcher Partei oder politischen Ausrichtung der Zitierte im Allgemeinen zugeordnet werden könnte, ohne zu wissen welche Persönlichkeit das gesagt haben soll. Ich verspreche euch, ihr würdet überrascht sein.

Warum gibt es diese Schubladen dann überhaupt noch? Nun da muss man beleuchten warum es sie überhaupt mal gegeben hat: Politik, im weitesten Sinne, also auch politische Bildung, Beobachtungen und Aktivitäten, war(en) und ist/sind ein sehr komplexes und unsichtbares Feld, schwer zu durchschauen und schwer begehbar. Daher rührt auch die häufige Resignation des Otto-Normal-Verbrauchers, auch an der Wahlurne zu spüren. Viele Redner, viele Wahrheiten, viele Inszenierungen und Tatsachen, ob verfälscht oder nicht. Alles in allem wird einem schnell schwindelig, wenn man versucht, auf eigene Faust einen Durchblick auch nur durch die kleinsten Teilgebiete zu erlangen. Und da halfen die Schubladen dem bildlichen Denkprozess. Und was mit den magischen "2" funktioniert, funktioniert auch mit 2 "ein halb" und 3. Und die Aussage eines Politikers der allgemein als grün galt, kann dann schon mal schneller in seinem Handeln einer "grünen" Motivation oder einer "rot/grünen Gesinnung" zugeordnet werden.

Doch bald merkte man, dass ein linker Aktivist nicht zwangsläufig als links geltende Ziele verfolgt. Und da das keine Einzelfälle waren, wurde bald klar, dass dieses Koordinatensystem nicht (mehr) funktioniert. Davon abgesehen, gab es auch international völlig unterschiedliche Interpretationen davon, was beispielsweise "Republikaner" sein sollen. In Deutschland unterliegt man aus unserer Interpretation heraus dem Irrglauben, dass die Republikaner in den Staaten die "bösen" Erz-Konservativen und die Demokraten die "guten" und humaneren Liberalen seien. Irritiert sind nicht wenige dann, wenn sie erfahren das ein Ex Ku Klux Klan Mitglied sich für den neuen Präsidenten aussprach und dieser Präsident auch über mehrere Ecken mit Bösewicht Cheney verwandt ist. Und Barbara Bush, die Tochter von "W", hält zumindest in einem Bereich nicht so viel von der früheren Politik ihres Vaters. Die 29 jährige tritt nun in einem Video der Organisation "Human Rights Campaign" für die gleichgeschlechtliche Ehe ein und watscht damit den Vater ab, der sich lautstark gegen die Homo-Ehe aussprach und damit sogar 2004 den Wahlkampf gegen John Kerry gewann. Erstaunt werden nun Einige darüber sein, dass sie weder dafür vom Kennedy Mörder dahingestreckt wurde, noch zu Hause Stubenarrest bekam. Soll das etwa heißen es fließt demokratisches Blut in Vaters Adern? Das kann doch nicht sein!

Dieser Irrglaube fußt auf der seltsamen Schlussfolgerung, dass eine Demokratie, die sich als solche bezeichnet, auch eine sein müsse, ergo ein Zwei-Parteien System kann ja nur dann ein demokratisches System sein, wenn die zwei Parteien gegensätzlich sind. Mal von dem ebenso fragwürdigen Koordinatensystem von Gut und Böse ganz abgesehen, um mal auf die ursprünglichen und alles Übel verursachenden Zwei zurückzukommen. Würde man nämlich zu dem Schluss kommen, dass beide Parteien eigentlich ein sehr ähnliches Profil haben, und zusammen mit dem Fakt, dass die USA ein Zweiparteien System hat, das Ganze genauer überdenken, müsste man zu der Schlussfolgerung kommen, dass die Demokratie in den USA zumindest parlamentarisch eine Scheindemokratie ist. Aber soweit wollen wir hier natürlich nicht gehen. :-)

Und geht man darüber noch hinaus, und würde sich all die Schubladen und Hilfskoordinaten in der Politik im Gesamten wegdenken, also auch im eigenen Land, käme man bald zu dem Schluss, dass sich die Aussagen vieler vermeintlich gegenüberstehender Positionen sehr ähneln, oder klingen, als seien sie versehentlich in der Presse vertauscht worden.

Es ist die "magische 2", die unser heutiges Denksystem so unglaublich weit beeinflusst hat, und Marketingforscher würden mir da jetzt beipflichten. Was man vielleicht noch nachweislich mit Twix, Doppelherz oder Nimm-Zwei kabarettistisch ganz lustig aufarbeiten könnte (die "doppelte Portion an Milch", die Twin-Towers und "Mit dem Zweiten Sieht Man Besser" wären da vielleicht noch mit zu nennen), ist in seiner Ausuferung auf real existierende Zweiparteien-Systeme, dem Links-Rechts-Diagramm, dem Ost-West-Konflikt, dem Fernseh-Duell, dem Mann-Frau-Konflikt, dem Krieg-Frieden-Spiel, dem Ja-Nein-Sprachkonstrukt, dem Gut und Böse, dem Himmel und der Hölle, dem Gott und dem Teufel, der Regierungs - und Oppositionspartei, dem Kläger und dem Angeklagten, und in vielen vielen anderen Beispielen als weit mehr als nur ein lustiger Kabarett-Gag zu betrachten.

Die "Zwei"-Beiner haben eine Vorliebe für die magische 2, vielleicht weil sie es mit ihren 2-geteilten Sinnesorganen, den 2 Augen, 2 Ohren, 2 Nasenflügeln, besser wahrnehmen und den 2 Gehirnhälften besser verarbeiten können. Sofern diese ihnen nicht schon den Dienst versagt haben.

Eine schöne streit-lüsterne Gesellschaft ist das, in der vermeintliche Gegensätze zu Problemen, zu Kämpfen gemacht werden, die keine sein müssten. Anstatt daraus endlich einen gesunden Gesellschaftsdialog zu eröffnen, was ja auch eine 2 (Dialog entgegen Monolog) beinhaltet, endet jede Fragestellung fast immer in einer Polemisierung, in Dualismus und folglich perspektivischer Stammtischkultivierung, wie unsere Fernseh-Talkrunden ja beweisen.

Dieses Spiel kann man immer weiter betreiben, bis zu dem Ost-West Bild des kalten Krieges, dem heutigen Bild der westlichen Welt gegenüber dem islamischen Raum und letztendlich den sich vermeintlich gegenüber stehenden Gesellschaftsordnungen, Religion, Verdienstgruppen, Bildungsmilieus, und so weiter.

Mann muss nur nah genug heran oder weit genug weg zoomen um zu merken, dass viele Unterschiede oder Gegenüberstellungen oder aufgeklebte Etiketten reine "Fantasie"-Konstrukte, oder besser gesagt unnötige "Denkhilf"-Konstrukte sind. Schubladen, die "helfen" sollen, Übersicht im ganzen Wirrwarr der Politik, und darüber hinaus, zu bekommen. Aber wie so vieles was helfen soll, tut es das ganz und gar nicht. Denn Vieles bis hinzu (vorsichtig gesagt:) Nichts steht sich da gegenüber. Alles steht für sich und ähnelt sich mehr als es sich unterscheidet. Überprüft man mal bei sich selbst, wie oft man diesem Prinzip der sich gegenüberstehende Dinge tagtäglich auf den Leim geht, merkt man bald, wie fatal dieser Denk-"Rhythmus" uns beeinflusst, und wie blind und unsachlich er uns macht.

Aber ich bin mir sicher: Das nächste System, was uns beim Überblick angeblich "helfen" soll, ist schon in Arbeit. Vielleicht auf dem Prinzip der "Dreifaltigkeit"? ... Oder dem ehemaligen DDR Atlas "Weltall-Erde-Mensch"?

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