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Gepflegter Provinzpatriotismus

Identitätswahn und Kulturidiotie

Wenn der Geist für die Welt zu klein

Preview Abbildung von Google Suche zum Titelblatt Titanic-Magazin Zonen Gaby auf FASSETTE

"Bildschirm-Ausschnitt einer Google-Suche nach Zone, Osten, Banane." Das Ergebnis: Zonen-Gaby. Sie ist eine fiktive Person, die im November 1989 auf dem Titelbild der westdeutschen Satirezeitschrift "Titanic" zu sehen war. Es zeigte eine lächelnde, stereotypisch „ostdeutsch“ aussehende junge Frau. Sie hielt eine Gurke in der Hand, die in einer Weise geschält war, die typischerweise für Bananen verwendet wird. "Zonen-Gabi im Glück. Meine erste Banane." lautete die Bildunterschrift. Die Satire schlug ein. Witzig weil kritisch gegenüber dem Klischee. Traurig nur weil diese Satire von der flachen Sichtweise vieler Westdeutscher inspiriert war. Das Das Titelblatt entwickelte sich – begünstigt durch die Aktualität im Zuge des Mauerfalls – zu einem populären Poster- und Postkartenmotiv und ist als solches noch heute weithin bekannt, auch über Deutschland hinaus. © Rechtshinweis: Google-Suche Ausschnitt, fotografiert zu Demonstrationszwecken. Die Rechte an den in der Suche dargestellten Abbildungen liegen bei den jeweiligen Autoren der Bilder.

Preview Abbildung eines nigerianischen Kindes aus den 1960s

"Starved Girl" (späte 1960'er Jahre). Ein in Europa stereo-typisches Bild: Ein abgemagertes afrikanisches Kind mit traurigen Augen. Fehlt nur noch die Fliege im Auge. Was mal als Gegenbewegung zur damals vorherrschenden Ignoranz und im Rahmen der notwendigen Kolonialkritik zum Symbol für die neue Hilfsbereitschaft wurde, steht heute vor allem für eines: ein nicht aufgeräumtes Weltbild gegenüber der schon falsch betitelten sogenannten "Dritten Welt". Ein sich auf Augenhöhe-Begegnen ist das nicht. Und außer, um Menschen dazu aufzufordern, ihr schlechtes westliches Gewissen zu beruhigen, in dem sie in unübersichtliche Spendentöpfe verkrusteter Strukturen Geld einzahlen, hat dieses Bild in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich mehr etwas verändert. | photo by Dr. Lyle Conrad | provided by Public Health Image Library (PHIL) ID 6901 | ©  Public Domain

Preview Abbildung von afrikanischen Kind beim Essen

"WFP nutrition program". Ein Bild wie es gerne für Hilfsorganisation zum Aufruf an Spender genutzt wird. Ein armes afrikanisches Kind sitzt auf dem Boden und hat seit langem endlich etwas zu essen bekommen. | photo by UNAMID | provided by flickr | ©  CC BY-NC-ND 2.0

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Lesedauer: 6 mins

Gemeint ist die Provinz im Kopf. Ein Synonym. Weil die Intelligenz der wachsenden Großstädte hat schon vor Jahrhunderten aufgehört in ihren kulturellen Grenzen zu denken, während der Provinzler, sei es nur ein Provinzler im Kopf, immer noch fremdelte mit anderen Kulturen oder gar mit ihrem Nachbardorf. So ist der vermeintliche Ost-West-Konflikt und die fiktive Skizzierung der kulturellen Unterschiede Dank der minderbemittelten geistigen Arbeit der jeweiligen Fronten bis hin zum Journalismus hoch stilisiert worden in Höhen, die bei einer "durchlässigen" Abgrenzung innerhalb EINER Ursprungs-Kultur von NUR 40 Jahren einfach nur lächerlich ist. Das Bild von Ost und West ist ein Paradebeispiel für die Kleingeistigkeit wie sie selbst bei Journalisten anzutreffen ist, die gern Reiseberichte über (für sie) fremde Regionen schreiben, um die kulturellen Unterschiede hervorzuheben, die oft keine sind, weil sie es einfach nicht verstehen oder nicht erkennen können durch die Aufrechterhaltung von Denkmustern, die ihrem Provinzpatriotismus und ihrer Identitätspanik geschuldet sind.

So kann ich getrost von mir sagen, dass es für mich nur sehr wenig wirklich gute Reiseberichte gibt, die mir die attraktions-lüsterne fiktive Exotik ihres Reiseziels in ihrem Bericht ersparen und wo ich das Gefühl habe, dass es sich wirklich um einem "Menschen von Welt" handelt, der diesen verfasste. Dieser erkennt nämlich schnell eher die Gemeinsamkeiten als die vermeintlichen vehementen und ach so großen Unterschiede, die ich ja gar nicht in Gänze unterschlagen will, aber die ich einfach im Streben eine bessere Welt zu schaffen für weniger relevant einstufen würde als die indirekten Gemeinsamkeiten. Vor allem wenn es sich um angebliche Unterschiede handelt, die die "Fehler" der anderen betonen sollen und sich eigentlich als Gemeinsamkeiten herausstellen und bei richtiger Beleuchtung dazu führen könnten, diesen "Fehler" gemeinsam anzugehen, als sich diesen permanent gegenseitig in die Schuhe zu schieben.

Leider scheint das Einigen größere Mühe zu machen als immer wieder die gleichen Klischees zu bedienen und diese als neue Erkenntnis zu verkaufen und so werden wir immer wieder in die alten Denkmuster zurück manövriert. Vor allem ist es dabei schön zu beobachten, wie dafür auch immer wieder die selben Stereotypen aus den Löchern geholt werden um dies zu bestätigen. So muss z. B. das verwahrloste hungernde kleine afrikanische Kind mit Fliegen in den Augen sowie der Kindersoldat, Küstenpirat oder Elfenbeinräuber regelmäßig als gewohntes Bild für Afrika herhalten während Kinshasa und andere Großstädte verschiedener Länder in Afrika im Weltvergleich boomen und Spitzenplätze in der Welt belegen oder Ärzte aus afrikanischen Ländern manch europäische in den Schatten stellen. Oder der dumme sich am Kopf kratzende Ossie vom Lande mit Neigung zur Verunsicherung beim Anblick von ihm fremden Immigranten, der immer wieder dafür herhalten muss, dass der Osten ein vergleichbar größeres Problem mit Fremdenfeindlichkeit habe. Welch Ironie bei dem gezeichneten Bild, das genau von dieser Vorurteilsdenke zeugt, die hier beobachtet und betont werden will. Und was gewollt oder ungewollt impliziert, dass andere das nicht hätten. Oder worin sonst läge hier irgendeine relevante Aussage zur Beobachtung, wenn es nicht um eine suggestive Ausdifferenzierung, oder gar schlimmer noch, um eine indirekte Abstufung ginge?

Es gibt auch in westlichen Gefilden Menschen die hungern und Fliegen in den Augen haben und es gibt im Westen ein nicht zu verachtenden Großteil von Menschengruppen, die mit anderen Kulturen permanent fremdeln oder gar Immigranten an den Pranger stellen. Wo ist also die Relevanz in der Reiseberichterwähnung dieses Aspekts bezogen auf eine Region? Die bis dato größten Ausschreitungen bei einer durch Fremdenhass motivierten Kundgebung fand im Übrigen interessanter Weise nicht in Schwedt oder Brandenburg sondern im Ruhrgebiet statt. Also inwiefern ist das eine relevante, interessante oder in irgendeiner Form neue Aussage, dies in einem Reisebericht oder einer Auseinandersetzung mit lokalen Begebenheiten im Osten des Landes wiederholt hervorgehoben zu berichten, wenn es dabei nicht um Ausdifferenzierung oder kulturelle Distanzierung gegenüber dem Osten ginge? Aber, als gäbe es nichts anderes zu beobachten, wird dies als vermeintlicher Kulturunterschied endlos überdehnt, weil es einfacher ist darüber zu schlawänzeln und bekannte Textbausteine zusammen zu schieben, als sich wirklich mit der Materie oder der Region auseinander zu setzen. Auch wünschte ich mir im Verhältnis mehr Berichte darüber, was wir von afrikanischen Ländern lernen könnten oder was wir mit ihren verschiedenen Kulturen gemeinsam haben, als immer nur das einseitige und dadurch verlogene Bild hilfloser Menschen zu strapazieren, die ja so gern bei uns wären und unsere Patenschaft wünschen. Ich behaupte: Die Klischees werden durch Reiseberichte nicht abgebaut sondern verstärkt. In alle Richtungen. Von West nach Ost, Ost nach West, Nord nach Süd, Süd nach Nord.

Für mich ist das unlängst ein Zeichen für die Unfähigkeit, gemachte temporäre Beobachtungen richtig ein zu sortieren und in einen wirklich relevanten Kontext zu stellen. Ergo: es lässt mich an der Kompetenz der beschreibenden Person stark zweifeln. Und was hier in der Vorurteilsküche für Kulturen gilt, kann auch getrost auf Systeme und ihre gegenseitige Propaganda übertragen werden. Dem Selbsterhalt jedes Systems kann es doch nur recht sein, denn nichts ist erhaltender und am besten als Ablenkung geeignet als die vermeintlichen Unterschiede oder gar Schwächen zu und von anderen Systemen. Bestes Beispiel: "Meinungsfreiheit" und "Überwachungsstaat". Die beiden großen Schlagworte und Argumente zum Unrechts- und Schurkenstaat namens #DDR. Heute fallen uns diese Kritiken auf die eigenen Füße, denn in was für einem tollen Staat wir heute leben, lässt sich im Zuge der damaligen Kritik gegenüber der DDR kaum noch sinnvoll dem Leser glaubhaft machen in Zeiten von Spionage-Affären, Privatsphäre-Debatten im Internet und gekündigten Zusammenarbeiten wenn man mal gewagt hat eine nicht mehrheits-konforme oder relativierende Überlegung öffentlich zu äußern (Beispiel: Alice Werbe-Ikone Vanessa Hessler, oder TV -Moderatorin Eva Hermann).

"Wir haben mit unseren Feinden vieles gemeinsam." sagten schon die alten Feldherren, und die waren schlau. Aber das hat sich noch nicht bis zu jedem Provinzjournalisten in der heutigen Zeit herum gesprochen, der den 25. Teil von hungernden Kindern oder sich selbst zerfleischenden Milizen in Afrika verfasst oder den Osten bereist um dabei ein paar dumme Ossies hervor zu graben, die noch nie eine Banane gesehen haben und fremdenfeindlich eingestellt sind. Weil all das ist überall zu finden und keine regionale Spezialität. Für mich ist das kein Reisebericht und auch keine beispielgebende Analyse sondern lediglich ein Beleg für Provinzpatriotismus, der dem komplex-behafteten Beobachter auf Grund des Bedürfnisses eigener Abgrenzung bei stark anhaltenden Selbstzweifeln ein temporäres Gefühl von eigener Höherwertigkeit vermittelt.

Comments

Pierrot

Es ist schon traurig, dass es Themen in unserer Geschichte gibt (DDR, Kalter Krieg, Zweiter Weltkrieg um nur einige zu nennen), die wir nicht nochmal hinterfragen oder besprechen dürfen. Da wurde sich auf eine Wahrheit geeinigt und jede andere Meinung oder nur schon die Fragestellung ist ein fauxpas und kann das Ende einer Kariere in der Öffentlichkeit bedeuten. Zum Glück gibt es Menschen, denen das einfach egal ist, oder die es versehentlich doch gewagt haben etwas zum Theme X zu sagen. Deren Erfolg war dann oft ganz schnell passé, aber was sie sagten blieb noch lange im Gespräch und veränderte so mehr, als hätten sie ihren persönlichen Erfolg weiter verfolgt.Und dann gibt es noch ein paar "Auserwählte", meist aus dem Kunst und Kultur Sektor, von denen das fast schon erwartet wird. Sie werden dann trotzdem von allen Seiten kritisiert und verrissen, aber wenn dann ein Schlingensief in Bayreuth keine provokante, blutige, nackige, laute Parsifal-Inszenierung abliefert sind alle enttäuscht...

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