Sarah Bies
Geschrieben von:

Sarah Bies

Sozialpädagogin, Freie Kolumnistin

Eine Diagnose für jedermann

Der Letzte macht das Licht aus

Die Psychologisierung der Gesellschaft

Preview Abbildung von verwundeten Maennern die Stricken lernen

"Reeve 41457". | photo by National Museum of Health and Medicine | © CC BY 2.0

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Lesedauer: 5 mins

Früher waren wir einfach traurig, heute sind wir gleich depressiv. Früher hätte man einen Menschen, der auf der Straße angeregt zu sich selber spricht, als "gaga" bezeichnet. Heute spricht man - und das zuweilen nicht weniger abweisend - von einem paranoid Schizophrenen.

Wissend nickt man sich zu und der Berliner weiß, wovon er da spricht: "Dit is, wenn man sich ständig verfolgt fühlt und so, weeßte." Eine sehr reduktionistische Auffassung eines Krankheitsbildes, wie es in der Abteilung Krankheitslehre in der Wissenschaft der Psychologie, bezeichnet wird. Jedem dieser Krankheitsbilder liegt ein Schlüssel zugrunde. So würde es mich auch nicht wundern, wenn sich in Zukunft jemand als f64er bezeichnet. Übersetzt hieße das: Jemand hat den Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben.

Die internationale Klassifizierung von Krankheiten verläuft nach dem System ICD-10 und was hier eher nach einer Glühbirnenspezies klingt, heißt übersetzt nichts anderes als: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. Das Kapitel 5 von insgesamt 22, die das ICD-10 umfasst, liefert den Katalog für die psychischen Störungen und die Verhaltensstörungen. Den stigmatisierenden Begriff Erkrankung vermeidend, sind diese Störungen als Zusammenspiel aus persönlichem Leid durch die Symptome sowie durch ein abweichendes Verhalten von der Norm begründet. Kein Wunder, dass Patienten oder Kritiker zuweilen auf die Barrikaden gehen, wenn die amtierende Neurologin vor einem Klee-Druck nach Beweisen für die Diagnose f63 oder ähnliche sucht. Ein anderer Vorwurf, dem sich manche Psychotherapeuten, Ärzte der klinischen Psychologie oder Psycho-Analytiker nicht zu Unrecht stellen müssen, ist die bürgerliche Norm als Linie, deren Abweichungen zu schnell pathologisiert werden.

Im Durchschnitt treibt der eigene Leidensdruck die Patienten in die Wartezimmer. Jemanden vom Tourette-Syndrom frei zu therapieren, würde natürlich nicht nur den eigenen Leidensdruck entlasten, sondern auch den gesellschaftlichen. (Wobei hier kurz darauf verwiesen sei, dass das Symptom der Koprolalie, welches das Umsichwerfen mit obszönen Ausdrücken bezeichnet, nur einen ganz kleinen Teil der Gesamtsymptomatik aufgreift.) Psychotherapie steht somit immer im Spannungsfeld der Interessenvertretung des Patienten und der Gesellschaft und unterliegt somit natürlich auch einem Funktionalitätsgedanken. Und sicherlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass, wenn wir jedem Gefühl von Leere Platz gäben und infolge dessen im Bett liegen blieben, eine Auswirkung auf die Gesellschaft nicht ausbliebe. Stell dir vor, es ist Wirtschaftswunder und keiner geht hin!

Immerhin leiden laut Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums vier Millionen Menschen in Deutschland an einer Depression, das sind mehr Menschen als Berlin Einwohner hat. Das Spannungsverhältnis, so könnte man behaupten, wird von den Meisten ebenso empfunden und geteilt. Und bei Inkenntnisnahme der Zahlen von Leidtragenden dieser affektiven Störung, kann man überlegen, ob die Menschen pathogener geworden sind, die Erfassungsinstrumente sie lediglich mittlerweile transparent machen können, oder bestimmte Phänomene zu Symptomen gemacht werden, also eine Pathologisierung stattgefunden hat. Das umfasst auch die Bereitschaft auf Seiten der Besucher psychotherapeutischer Einrichtungen, krank zu sein. Und bei dem vielfältigen Angebot, wird sicher jeder fündig. Wer suchet, der findet. Zudem ist zu beobachten, dass ein Krankheitsbild offensichtlich auch einen identitätsstiftenden Faktor hat. Wenn wir schon nicht an Gott glauben und schon lange nicht mehr an die katholische Kirche, dann zumindest an das Borderline-Syndrom.

Was die hier geleistete oder versuchte Hilfestellung trotz allem - in beiden Fällen der Ausrichtung, einer patienten- oder gesellschaftsorientierten - (die sich ja auch nicht immer gegenüber stehen oder einander ausschließen) als eine Gefahr mit sich bringt, ist die Eindämmung eigener Lösungsstrategien und Kompetenzen oder die Entmündigung aufgrund medikamentöser Begleittherapien. Durch bestimmte Mittelchen wird somit die Gefühlstoleranz, die Fähigkeit, negative Gefühle zuzulassen und Spannungen auszuhalten, heruntergeschraubt. Oft erweisen sich die Nebenwirkungen als schlimmer als die ursprünglichen Symptome. Natürlich lebt eine ganze Industrie von unserem Elend. Freundlichere Auffassungen könnten, auch nicht unberechtigt, von einer Reaktion auf dieses sprechen. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite stehen unterlassene Hilfeleistungen, zu späte Interventionen, die Einschränkung von präventiven Maßnahmen aufgrund fehlender Staatsgelder, die Unterschätzung der negativen psychischen Empfindungen. Sätze wie "Jeder ist mal traurig" fallen, und kurz darauf hört man von einem Personenschaden auf der U-Bahnlinie 9. Gerade deswegen ist es so schwierig, angemessen mit dem Thema der psychischen Erkrankungen umzugehen. Riskiert man die Pathologisierung, die Einnistung eines Menschen in ein Krankheitsbild, das ihn selbst entmündigt und sich vielmehr durch Diagnosen manifestieren kann oder appelliert man an diese Gefühle als negative, aber menschliche und normale Zustände? Und selbst wenn das der Fall ist, nimmt man die Gefahr in Kauf, dass der Betroffene eben diese normalen Gefühle nicht aushält. Diese Frage kann nur im Einzelfall individuell zur Diskussion gestellt werden und kann nicht gesamtgesellschaftlich beantwortet werden. Im schlimmsten Falle kostet sie den Verstand oder sogar das Leben von Betroffenen.

Natürlich sehnt man sich ein Gleichgewicht, eine Akzeptanz von Krankheiten und Symptomen, eine Intervention, wo eine Reaktion erforderlich ist, herbei, ohne dass man die Begleiterscheinungen der Psychologisierungen - wie Pathologisierungen beim ersten morgendlichen Kaffee, nach dem Brigitte-Abc der Krankheitslehre - über sich ergehen lassen muss. Hier muss man als normaler Mensch, der sich zwischen Norm und Abweichung befindet, wohl auch mal die Spannungen ertragen, die das System, das sie zu heilen versucht, in dem Moment selber schafft. Und im Endeffekt kann es auch egal sein, ob unser Monologführer als gaga oder schizophren bezeichnet wird, wenn die jeweilige Diagnose nicht dazu führt, angewidert die Straßenseite zu wechseln. Zumal wir auch nicht wissen, ob die Tatsache, dass wir zu einer zweiten Person sprechen, uns von dem Selbstgespräch befreit.

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