Gabor Munier
Geschrieben von:

Gabor Munièr

Autor, freier Kolumnist, Essayist

Die neue Erkenntnis der Medienwelt

Das neue Leseverhalten der Jugend

Wenn Studien etwas belegen wollen

Preview Abbildung von Haenden und einem Stift auf einem Ausfuellbogen Papier

"Eye tracking." | photo by delphinmedia | provided by pixabay | ©  Public Domain

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Lesedauer: 8 mins

Eine Studie sorgt für Aufsehen. Wer hätte das gedacht. Großes Entsetzen über eine neue (?) Erkenntnis geht um und eines meiner Lieblingsworte aller Pseudogebildeten namens „Studie“ weckt wieder Erinnerungen in mir über die seltsamsten Situationen mit „Studien“ die ich erleben durfte. Lichtblicke des menschlichen Geistes. Eine kleine Abschweifung darüber vorweg:

Nicht selten erlebe ich ja in Debatten mit stumpfsinnigen Möchtegern-Intellektuellen hochnäsig dargebotene Verweise auf Studien in einem völlig deplatzierten Argumentations-Kontext, wo ich mir nicht selten nachträglich verkneifen muss anzumerken, dass Studien nur geeignet sind für jene, die in der Lage sind sie auch richtig zu interpretieren. Und vor allem für jene, die in der Lage sind zu erkennen, in welchem Rahmen sie überhaupt relevant und nennenswert sind. Bekannter Maßen werden dabei Studien oft von jenen herbeigeholt, die zu faul, zu unfähig oder zu einfältig sind, mangelnde oder notwendige Relevanz von Studien zu erkennen, oder gegebenenfalls eigene im Kopf überschlagene Statistiken über etwas aufzustellen, wenn es in der Argumentation keiner Studie bedarf. „Nachts ist es dunkler als Tagsüber!“ - Nein warte! Kannst du das denn mit einer Studie belegen? Das mag ja Dein(!) Erfahrungsraum sein, aber ist das denn allgemeingültig anwendbar?? - Wenn Du ihnen dann Zahlen und vorgegebene Resümees aus Studien wiederkäust, ist alles in Ordnung. Da will dann keiner was gesagt haben. Darauf kann sich der deutsche Studierte von Welt verlassen. Da ist es dann auch völlig egal, welche hirnverbrannte These du damit versuchst zu untermauern. Mit einer Studie klingt das ganze dem Deutschen doch schon ganz glaubhaft.

Am schlimmsten sind jedoch die Konversationen in denen die Erwähnung einer Studie total ins Lächerliche gerät (Ich konnte mir das Lachen manchmal wirklich nicht mehr verkneifen weil ich erst dachte es sollte ein Witz sein). Ich habe schon solch hirnverbrannte unsinnige und dumme Äußerungen vernehmen müssen, wie z. B.: "Ich habe mal in einer Studie gelesen, der Grund dafür, dass so viele in Berlin lieber Auto fahren sei, dass sie lieber mit dem Auto als mit den Öffentlichen fahren würden. Aber welche Zahlen die Studien zu Grunde legt, weiß ich jetzt auch nicht so genau..." - Facepalm (Englisches Wort für: Hände vor's Gesicht) - Was für eine Erkenntnis! Was für eine Studie! Am liebsten hätte ich geantwortet: "Ich habe mal in einer Studie gelesen, dass Menschen sich in der Nase popeln, weil sie in der Nase Popel vermuten.“ Unglaublich. Wie kommt man dazu solch sinnlose Aussagen oder relativ primitive und simple Schlussfolgerungen mit Studien zu unterfüttern? Wissen Menschen eigentlich wie dumm sie dabei wirken, wenn sie das nicht ohne Studie geschafft hätten heraus zu finden?

Früher gab es noch so etwas wie Selbstreflexion. Da haben Menschen noch erkannt und zugegeben wenn sie sinnfreie Äußerungen getroffen haben: "Und was machst du hier?" - "Ich habe eine Wassermelone getragen." --- Pause --- "...Was rede ich denn da?? Ich habe eine Wassermelone getragen??" (Zitat aus dem Film "Dirty Dancing"). Besser wäre heutzutage im Land der Abiturienten und Massenstudenten wohl gewesen, wenn sie gesagt hätte: "Eine Studie belegt dass Menschen wie ich, die eine Wassermelone tragen, in der Regel gefragt werden, was sie da machen." - Woher kommt all dieses sinnfreie Studiengesabbel heute? Es soll wissenschaftliche Denkweise vorgaukeln und ist dabei aber auf unterstem Brigitte-Magazin Niveau. Merkt das denn keiner? Es gibt Dinge die bedürfen keiner Studie, liebe Studierenden! - Wussten Sie, dass gerade in Zeitschriften mit Lesern aus den unteren Bildungsschichten das Wort Studie am meisten verwendet wird? ... Kleine Provokation am Rande.

Bekannter Maßen gibt es ja für alles und jede Gegenposition Studien, die das oder das Gegenteil belegen sollen. Ernährungsstudien, Kindererziehungsstudien, Fallstudien über Ausländerkriminalität, Medienstudien, Sozialstudien (Mein Favorit! Man stelle sich die Vorgehensweise vor), oder noch besser, Sexstudien, und ein All-Time-Favourite von mir: Genderstudien. Weil die subjektive Wahrnehmung und der eigene Erfahrungsraum nicht sachlich genug sind. Aha. Und was ist dann bitte eine Studienanordung? Hm? Kein Erfahrungsraum? Schon mal was von der Illusion der Objektivität gehört? ... Alles Studien, die sich jährlich nach neuen Studien widersprechen. Ich warte noch auf den Moment, wo Studien erhoben werden („Eine Studie erheben!“ Hammer oder? Die Dramaturgie der Sprache) um die Relevanz von Meinungsäußerungen, da es ja für alles Studien gäbe, per se in Frage zu stellen. Werden Meinungen oder Eindrücke noch gebraucht? Wir haben doch Studien! Das Wort „Studien“ hat sich in der Summe der dummen Sätze in denen das Wort vorkommt bei mir zu einem Unwort entwickelt.

Aber kommen wir zu meinem eigentlichen Punkt in diesem Artikel. Das ist wieder einmal köstlich. So konstatiert seit neuestem die Medienwelt darüber ganz aufgeregt, dass sie erstaunt sei über jüngste Studienergebnisse bezüglich des Leseverhaltens der Jugend. Sie kommt durch eine neue amerikanische Studie(!), auf die natürlich nicht weiter eingegangen wird wie sie angeordnet und ausgerechnet wurde, zu dem Schluss, dass die Jugend von heute vermutlich mehr lesen würde als damals. Nein! Ist das denn zu fassen! Ich bin überrascht! Erschüttert! Von meinen Illusionen überholt am Boden zerstört! Wie kann das denn sein?? Keine Details darüber wann dieses „Damals“ gewesen sein soll, versteht sich. Im Weiteren wird dann ausgeführt, dass man ja früher(!) der Ansicht war, dass eher die „älteren“ Tages-Nachrichten nachlesen würden und die jüngeren desinteressiert vor dem Fernseher hockten und man heute neue Tendenzen aufgespürt hätte, in denen junge Menschen Tages-Nachrichten eher nachlesen und ältere sich diese eher in den Fernsehnachrichten anschauen würden. Daraus wird der Schluss gezogen, dass die Jugend wieder liest! Ist das nicht erstaunlich?!

Liebe Freunde der Studieninflation: Was wäre wenn ich Euch sage, dass viele Menschen die ich kenne für diese Erkenntnis keine Studie gebraucht hätten weil es Menschen gibt die Eins und Eins zusammen zählen können? Wäret ihr dann entsetzt? Was wenn ich Euch sagen würde, dass die Schlussfolgerungen daraus trotzdem falsch sind? Was wäre denn wenn ich Euch sagen würde, dass das "neue" Leseverhalten völlig nachvollziehbar durch Gewohnheiten wie das Internet zustande gekommen ist? Und dass die "älteren", die natürlich nicht weiter genau deklariert werden in dieser "Studie", einfach ihren eigenen Gewohnheiten nachgehen, wenn sie Nachrichten immer noch im Fernsehen verfolgen. Zumal sie oft weniger multisprachfähig sind als junge Menschen, die die Nachrichten im Internet in mehreren Sprachen verfolgen und im Internet auch (abgesehen von fatalen Fake-News) hinreichend Meinungsvielfalt bei der Färbung der News zu finden ist. Im Gegensatz zu den Fernsehnachrichten. Des Weiteren wird noch erwähnt, dass diese Studie damit zu erklären sei, dass die Jugend die Effizienz des Lesens wieder entdeckt hätte, und einige angegeben hätten, sie würden dadurch schneller Informationen aufnehmen.

Ich frage mich wirklich wann, wo und mit wem diese "Studie" gemacht wurde. Sie entlarvt sich doch mit solch hohlen Aussagen selbst. Woher hat denn der junge Mensch, der das gesagt haben soll, seine Vergleichswerte? Wenn er doch das Fernsehen gar nicht nutzt? Und die Effizienz des Internets oder einer gedruckten Tageszeitung möchte ich mal ganz stark in Frage stellen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe seit 20 Jahren keinen Fernseher mehr, lange bevor es „In“ war keinen Fernseher zu haben. Aber die TV-Tagesthemen sind doch wohl ganz klar schneller „überflogen“ als eine gedruckte Tageszeitung oder die News im Internet zu verfolgen. Gut, wie dem auch sei, umformuliert, sagt die Studie eigentlich ohne es auszusprechen was schon jeder weiß: "Immer mehr junge Menschen holen sich ihre Informationen aus dem Internet." ... Wow. Schade, dass sie nicht selbst darauf gekommen sind.

Das Fatale an der Studie ist aber nicht, dass sie nicht merkt, dass sie sich einfach nur von einer anderen Seite einem Common Sense genähert hat, sondern daraus auch noch zu schließen, dass die Jugend mehr liest. Im Sinne von „Mehr Interesse am Lesen als solches“ zu haben. Das ist wieder eine dieser typischen Studienauswertungen, wie ich sie liebe! Wie kann man so eine Aussage treffen ohne nicht wenigstens Stichproben-artig Gegenargumente zu prüfen. Ich brauche nicht einmal Sekunden während ich deren Auswertungen lese, um zu wissen, hier haben wir es mit einem Rohrverrecker zu tun: Alle Buchverleger und ihre Zahlen stimmen also nicht? Natürlich nicht. Der neue Leseboom findet ja im eBook-Markt statt... ... ... Nicht! Wahrscheinlich hat der Geschäftsführer hier nur das Geld und die Auflagen beiseite geschafft um der Welt zu demonstrieren, dass die Menschen weniger lesen als früher. Nicht. Und der Rückgang der Buchqualität, das mangelnde Geld für Lektorate und der Rückgang der Zeitungsauflagen? Auch alles Humbug? Nicht. Und dass Buchverleger aus lauter Verzweiflung schon die Biografien völlig unbedeutender C-Promies veröffentlichen und Fekalromane in die Bestsellerlisten geschoben werden, in der Hoffnung, noch ein paar Leser zurück zu gewinnen, ist wahrscheinlich auch nur ein fataler Trugschluss, der dadurch zustande gekommen ist, dass man versäumt hat eine Studie darüber zu erheben!

Es ist immer wieder herrlich zu erleben, wie Studien völlig am Leben vorbei entweder etwas belegen, was allen unlängst und völlig klar ist, oder so dermaßen jeglicher Relevanz entbehren, dass die Studienergebnisse kompletter Nonsens sind, oder sich in der Interpretation der Ergebnisse völlig von der Realität abwenden.

Es würde mich nicht wundern, wenn nun auf Grund dieser neuen Erkenntnisse Tageszeitungen anfangen Jugendmagazin-Einlagen in ihre Zeitschriften zu packen und Dr. Sommer nicht mehr in der Bravo sondern in einer renommierten Tageszeitung die Jugend über Saver Sex aufklärt. Alice Schwarzer als Feminismus-Beauftragte in der Bild haben wir ja schon.

Comments

Midas

Das mag ja bestimmt schon sein, dass viel Humbug mit Studien/Statistiken betrieben wird um Clickbait-Artikel attraktiv zu gestalten oder gewisse Sachverhalte in ein bestimmtes Licht zu rücken ect. Die Statistik ist ja bekanntermaßen "die Hure der Wissenschaft", oder wie man auch so schön sagt "trau keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast". Nichtsdestotrotz gehören Statistiken zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu und können dort auch, wenn sie seriös und objektiv gestaltet sind, große Dienste erweisen. Ihr schlechter Ruf ist aber auch sehr gut nachvollziehbar und ich denke der Autor hat das hier in einem etwas überspitzten Artikel zum Ausdruck bringen wollen.

Suse

In dem Artikel geht es ja nicht darum, Statistiken und Studien per se schlecht zu machen, sondern eher um die Menschen die Studien brauchen um überhaupt zu kommunizieren oder um sich irgendwie interessant zu machen. Das es sehr sinnvolle Studien gibt ist glaube ich nicht die Aussage dieses Artikels :)

Malfunction

Sehr amüsant geschrieben, das seh ich genau so mit diesen ganzen Studien. Vor allem diese ganzen pseudo-wissenschaftlichen Studien zu Ernährung und Gesundheit sind doch echt ein Witz. Kaum wird da mal wieder eine bahnbrechende neue Erkenntnis verbreitet, kann man schon Wetten abschließen bis wann sich das hält und eine neue Studie genau das Gegenteil belegt. Da können einem die armen Brigitte und Co Leser nur Leid tun, die da immer wieder aufs neue drauf reinfallen.

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