Britta Leuchner
Geschrieben von:

Britta Leuchner

Filmkritikerin, freie Publizistin

Ein gedanklicher Überblick

Surreales Kino der Neuzeit

Ein etwas anderer Blick auf das Thema

Preview Filmausschnitt aus dem Film Into the Woods

"Into The Woods (Film still)" - A film by Marlijn Franken. | Die Überreste des surrealen Autorenfilms auf großer Leinwand finden sich in Kompromiss-Produktionen mit hollywood-nahem Entertainment-Faktor, wie z.B. in Tarsem Singhs unterschätztem großartig inszenierten Fantasy Gedankenspiel “The Fall”. Aber auch unabhängigere und kompromisslosere Autorenfilmer und Nieschen-Filmemacher wie Marlijn Franken oder der deutsche Autor, Theater- & Filmemacher Sebastian Ugovsky versuchen dem heutigen Verständnis von Filmindustrie und Entertainment, wie damals John Cassavetes bereits in den 1960ern, den Film als Kunstform entgegen zu setzten, und erinnern daran dass Film, wie Malerei, einst vorrangig mal eine künstlerische Ausdrucksform darstellte. | a film by Marlijn Franken | © CC BY-NC-SA 2.0

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Lesedauer: 5 mins

Zu seiner Zeit gab es Filmemacher wie Cassavetes, Wim Wenders, Ingmar Bergman, Fellini, Lynch, Greenaway, Kubrik, Fassbinder, Andrei Tarkowski, Lars von Trier, Pasolini, Besson und ähnliche, die hatten eine uns oft fremd erscheinende Vision. Die Vision von "sprechenden" Bildern. Neben ihnen gab es Unterhaltungskino. Der international stärker werdende #Autorenfilm, noch relativ jung im Vergleich zum groß finanzierten Leinwandsport, war die Fortsetzung der "sprechenden" Bilder. Sprechende und Bewegte = bewegende Bilder, die den Zuschauer in ihren Bann zogen, durch ihre Absurdität, Obszönität und Spannweite der Erwartungsbrechung, durch die, entgegen damaliger Maßstäbe, unverhohlene Nacktheit, Offenlegung, Masturbation der Seelen in den Filmen und was sie aus dem Zuschauer dabei machen, einen Voyeur. Bis heute ist kein wirklich waschechter Filmfan ohne Autorenfilme ausgekommen. Das ist der kleine Sieg der künstlerischen #Freiheit gegen die Film-Marktwirtschaft. Aber hält er an?

Wie das Läuten der Kirchenglocken, bevor der Priester spricht, werden wichtige Sätze durch Grimassen und Bild- und Lichtstimmungen oder Fantasiewelten unterstrichen und der Zuschauer weiß zu jedem Moment, dass er sich mit seinen Augen in einer surrealen Welt eines Filmemachers bewegt. Und doch wieder nicht. Während der Unterhaltungsfilm auf Bekanntes zurückgreift, um dem Zuschauer eine vermeintlich reale Welt zu zimmern, in der dann aber mehr oder weniger reale Sachen passieren sollen und geglaubt werden müssen damit sie ihre Wirkung entfalten, schafft der Film von Größen wie Greenaway eine eher surreale Welt, die einem wie ein schlechter Traum erscheint und uns vorrangig erst einmal kaum einen Zweifel darüber lässt, dass diese Welt nicht real ist. Bis wir uns dabei ertappen, den Protagonisten in ihren Gefühlen zu folgen, uns darin zu erkennen, und diese Welt fast unmerklich anzunehmen.

Das ist der Punkt, wo die Magie des Autorenfilmers anfängt zu wirken. Das ist es, was den surrealen Film ausmachte, und was mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören scheint. Der surreale Film der damaligen Autorenfilmer brauchte nicht um Glaubhaftigkeit betteln, denn er war voll ehrlicher Gefühle derer, die sie machten. Die Welt, die sie schufen, mag zwar absurd und fantastisch im befremdlichen Sinne gewesen sein, aber sie war künstlerisch gefühlt betrachtet "echt ".

Heute: In all den Kompromissen und Versuchen den Film als großes internationales Medium in der neuen digitalen Welt des Internets und der Videoclip-Generation aufrechtzuerhalten, liegt ein gefährlicher Scheinsieg verborgen. Autorenfilmer bekommen mehr Finanzierungen um jedoch ihre Filme dabei letzenendes mehr dem Unterhaltungskino anzunähern, weil man inzwischen glaubt, dass diese Autoren heute mehr eine Rolle spielen im großen Zusammenhang den Film als solches Aufrecht zu erhalten, als der klassische Blockbuster der 90er. Man gesteht Ihnen zu, der Zuschauer glaubt ihnen mehr. Wegen der Authentizität. Nur ist die Bereitschaft des Publikums, entgegen der Annahmen sie seien durch Youtube endlich sozialisiert worden, heute geringer als den je sich auf absurde Filme einzulassen. Es sei denn, die Absurdität wird durch Special-Effects oder #3D erzeugt. Lynch sagte jüngst dazu einen herrlich zynischen Satz, der mich zum Lachen brachte, kurz und trocken: "3D macht die Story auch nicht besser ...".

Die Pseudo-Fassbinders und Bergman-Kopierer der neuen Generation werden es auf jeden Fall nicht schaffen, den "sprechenden" Film wieder zum Leben zu erwecken. Dazu sind sie zu eitel und sehen etwas in ihren Vorbildern, was sie nicht waren: Helden die gefallen wollten. Da habe ich eher noch Hoffnung in der Ecke der etwas tiefgründiger angelegten Neuzeit-SienceFiction-Filme wie District 9, Children Of Men, Equilibrium oder THX 1138 oder auch der Animationsfilme wie Waltz With Bashir, Darkly Scanner, Sin City fündig zu werden. Sicher: Jede Zeit hat ihre Kunst, die den Ausdruck zu den Fragen der Zeit findet. Der Kampf um geistige Freiheit, der damals aus vielen Bildern sprach, ist aber immer noch nicht zu Ende gekämpft. Auch in neuen Zeiten von Politikverdrossenheit, neu aufkommendem Fremdenhass und dem Platzen der Lügenblase vom nimmer enden wollenden Wirtschaftswachstum. Dass Bücher und Filme aus Tagebuchvorlagen von Emigrantengeschichen da trotz dem Verleihen von Vorzeigepreisen und dem Aufmerksammachen auf Vorzeigeleidenswege nichts an dem wachsenden Fremdenhass in Welt ändern, beweist, dass mehr als denn je der provozierende und polarisierende Film mit "sprechenden" Bildern gebraucht wird, der sich frei macht von der Erzwingung von Kopfnicken und der Angst von Kopfschütteln. Es braucht wieder Filme die nicht gefallen wollen.

"Kopftuch für Geerd Wilders' Haarfrisur!" würde heute auf Schlingensiefs Bannern stehen, und Ingmar Bergman würde Kopftuch-tragende Männer in Puffs nach dem Sinn des Lebens fragen lassen, während Kubrik Bush eine lange Nase aufsetzen würde, um ihn dann in homosexueller Sexualaktpose mit der Nase im A**** von Hussein "Gepriesen sei mein Seelenheil OBAMA!" rufen zu lassen. Die UNO würde in Fassbinders neuem Film in einem UFO tagen, die Mauer wäre aus kandierten Äpfeln, in die Greenaway dann Horden von Menschen gierig reinbeißen ließe, und wir würden trotz irritierter Grundhaltung bei den Bildern uns dabei ertappen, in ihnen eine aberwitzige Parallelität zum Leben zu entdecken.

Wer behauptet dies hätte kein Unterhaltungswert, hat in dem ganzen Spektakel was sich Leben nennt, den Humor verloren. Wer mir 10 hochkarätige Filmemacher der Neuzeit nennen kann, die da heran kommen, der kriegt von mir ein Drink in Bioleks Lieblingskneipe in Berlin spendiert ...

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