Gabor Munier
Geschrieben von:

Gabor Munièr

Autor, freier Kolumnist, Essayist

Musik, die Bilder malt

Ane, Oh Ane

Flucht in den Frieden, ins traurig Schöne

Preview Abbildung von CD Booklet von Ane Brun

Abbildung von Ane Brun in einem CD-Booklet (Veröffentlichung unbekannt). Dies ist eine Abbildung von einem Verkaufsmedium zu reinen nicht-gewerblichen Demonstrations- und Rezensionszwecken (siehe Discogs) | © Fair Use gem. der Schrankenbestimmungen in Deutschland.

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Lesedauer: 4 mins

Seit ich denken kann, habe ich von der Anmut nicht mehr loslassen können, die entsteht, wenn sich Film und Musik in einer Weise miteinander verbinden, in der man nie weiß, ob man es schön oder traurig finden soll, wo Musik einen traurig schönen Film projiziert und umgekehrt. Diese noch unentdeckte faszinierende norwegische Sängerin hat dies unlängst geschafft, in meinem Kopf, ganz ohne Film!

Diese Worte schrieb ich vor Jahren, um auf sie aufmerksam zu machen. Vor fast 10 Jahren um genau zu sein. Freunde und Leser waren begeistert und fragten mich, wie ich auf sie aufmerksam wurde. Bilder kamen in meinem Kopf hoch. Bilder von einem freundlichen warmherzigen Transit-Kraftfahrer, einem beseelten Trucker namens Winfried, welcher (was ich erst später erfuhr) Alkohol in den hohen Norden schmuggelte und seine große Fahrer-Kombüse zum Versteck wurde um über die Grenzen nach #Skandinavien zu kommen. Bilder, wie die steile Wand, die sich vor einem materialisiert, wenn man nichts ahnend nach dem Verabschieden und Aussteigen und den Fußmarsch planend sich eine Zigarette dreht und im Halbdunkel plötzlich eine riesige Steilwand vor sich realisiert, die in den Wolken verschwindet und einem die Kippe aus dem Mund fallen lässt. Die Fjorde bei Nacht. Später noch nördlicher: Das Eismeer. Der Rucksack voller norwegischer #Haferkekse und die Fischer in den Eisbrechern an der #Küste, mit denen man sich die Hände an den Schiffsseilen wund rieb bei der Arbeit im ersten Packeis. Die Forschungsstation im Nichts einer kleinen Insel. Und die eisige Kälte. Aber auch das unglaubliche Licht, je näher man dem Nordpol kommt. Und das ganz bestimmte Gefühl, was in einem wohnt, wenn man in menschenfeindliche Wildnis aufbricht und dabei vereinzelt Menschen trifft, die man nie im Leben vergessen wird. So wie die Musik von Ane Brun, die diese Bilder malt. Dieser leise Gesang einer diese Landschaft vortrefflich in sich tragenden Sängerin schwebt dabei in der Luft.

Der Rückweg, versteckt als blinder Passagier auf einem riesigen Eisenkoloss, einem alten grauen Passagierschiff bei Sturm (ich wusste gar nicht, dass auch so riesige haushohe Schiffe im Sturm so extrem in Bewegung geraten können!), außen an der Reling bei Nacht. Alles war abenteuerlich. Die hohen Wellen peitschten übers riesige eiserne Deck und die Stahlstange an der man sich festhielt, war beißend kalt und schmerzhaft aber das Einzige was dich an Deck halten konnte. Der nächste Hafen war nicht für Passagiere gedacht. Eher für Frachtverladung. Kriminalfilm-Atmosphäre Aber es war Boden unter den Füßen. Nach langen Irrwegen durch die ewige Flachlandschaft Dänemarks und einem glücklichen Umstand, der ein Ticket für den Zug nach Deutschland zu Tage brachte, bildeten den Abschluss der Flucht aus der Zivilisation damals. Die Ankunft in der Zivilisation war ein Schock. Es war genug Zeit vergangen um ein Waldschrat zu werden. Hamburg wirkte wie eine Mischung aus einer geschmacklos glitzernden Siegfried & Roy Show und dem Timesquare. Die Oberflächlichkeit ist das Erste was man spürt. Mein Bart war gefühlt meterlang und ich hatte das Gefühl die über-parfümierten und gegelten Gestalten machten einen Bogen um mich in den zerfetzten Hosen und dem Rucksack in dem mein Leben drin war, wie um Crocodile Dundee.

Das war damals. Heute ist Ane Brun zurecht ein Weltstar. Und es finden sich inzwischen jede Menge Videos zu ihr, von und mit ihr im Netz, die mich anfangs fürchten ließen, die Künstlerin könnte nun durch den wachsenden Erfolg von diesem ganz besonderen Charme des Nichtstarseins einbüßen, der mich auf so skurrile Weise auf sie aufmerksam machte und in ihren Bann zog, der eine heute selten gewordene Ästhetik des Traurig-Schönen und des Besonnenden, so wie diese herrlich unprätentiösen Gemälde von schlichten aber weiten Landschaften, mit sich brachte und sicherlich auch Grund ihres Erfolges war. Aber dieses Video von 2008 [*1] beweist das Gegenteil.

Und wer das Dilemma kennt, dass man oft nicht vermeiden kann, wenn sich zu einem Buch schon zu feste und ganz eigene Bilder in der Fantasie manifestiert haben und die Verfilmung des Buches im Anschluss daran auf Grund dessen für einen selbst eine fast schon vorprogrammierte Enttäuschung werden muss, versteht sicherlich meine Erleichterung darüber, wie gelungen ich das Video zu ihrer Musik zu Zeiten ihres wachsenden Erfolges empfand. Traurig schön, aber dabei auch schön absurd und nie mit sich im reinen. Aufgerieben und doch besonnen.

Und mit bescheidendem Stolz möchte ich hinzufügen, dass ich ihr damals bereits eine große Karriere voraus prophezeiht hatte.

Von März bis Mai 2010 spielte Ane Brun im Vorprogramm von Peter Gabriel auf der New-Blood-Tour. Dabei war sie zudem als Backgroundsängerin tätig und übernahm bei dem berühmten Song "Don't give Up" den Gesangspart, den Kate Bush damals im Original sang.

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